Sieben Wege in die Hölle

- Heiliger Ernst spricht aus den Schriften des Vatikans, teuflische Spielerei versteckt sich in virtuellen Welten: Eine Todsünde "zerstört in uns die Liebe, beraubt uns der heiligmachenden Gnade und führt uns zum ewigen Tod der Hölle, wenn wir sie nicht bereuen", heißt es im Katechismus-Kompendium der katholischen Kirche.

Schweizer Kantonsschüler entwickelten aus diesen Lastern einen Test: Auf www.7todsuenden.ch kann jeder herausfinden, zu welchen Sünden er neigt. Wer Adler bewundert und in einem Bild einen Kelch statt zwei Gesichtern erkennt, verrät sich als hochmütiger Schlemmer. 170 000 Klicks verbucht die Seite. Die Statistik offenbart, woran wir kranken: 18 Prozent führt die Wollust in Versuchung. Es folgen Völlerei, Hochmut, Neid, Trägheit, Habsucht. Am Ende rangiert mit zwölf Prozent der Zorn.

Sünder büßt Habgier in siedendem Öl

Mit den Todsünden verhält es sich heute widersprüchlich: Die moderne Theologie kommt gut ohne sie aus, viele junge Christen kennen sie nicht. Benedikt XVI. hingegen bekannte sofort als frisch gewählter Papst, "ein einfacher, demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn" zu sein. Also frei von der allerschlimmsten Todsünde: Hochmut.

Während die Gläubigen auf das Schema verzichten, regt es wie eh und je die künstlerische Fantasie an. Und die Neugier von Forschern, die nach ihrer gesellschaftlichen Aktualität fragen. Druckfrisch sind zwei Bücher zum Thema: von Gerhard Schulze, Soziologie-Professor in Bamberg, sowie von Heiko Ernst, Chefredakteur von "Psychologie heute".

Der Sündenkatalog entstand einst aus mönchischem Geiste. Ende des vierten Jahrhunderts stellte der Einsiedler Evagrius Ponticus eine Liste von acht "Dämonen" auf, aus denen alles Übel erwächst. Papst Gregor I., von 590 bis 604 im Amt, schrieb schließlich die sieben Hauptlaster fest: superbia (Hochmut), avaritia (Habgier oder Geiz), invidia (Neid), ira (Zorn), luxuria (Wollust), gula (Völlerei) und acedia (Trägheit).

Ohne das Sakrament der Buße führen sie geradewegs in die Hölle. Das Mittelalter ordnete jedem Laster eine besondere Strafe im Reich des Teufels zu: Den Neid büßt der Sünder in Eiswasser, die Habgier in siedendem Öl. Ein literarisches Panoptikum dieser Qualen schuf Dante in seiner "Göttlichen Komödie". Der Maler Hieronymus Bosch sah die diabolischen Gefahren überall lauern und schuf ein Tischgemälde der Todsünden, das heute im Madrider Prado ausgestellt ist: mit dickwanstigen Fressern, die Knochen bis auf das letzte Fitzelchen abnagen, und stolzen Maiden, die sich im Spiegel bewundern.

Die Jugend von heute kennt die Todsünden vor allem aus der Welt der Werbung und des Films: als süße Eiskrem, die "Langnese" vor drei Jahren als "7 Sünden" vermarktete, und als Stoff des Thrillers "Seven". Morgan Freeman und Brad Pitt jagen als Ermittler einem Serienmörder nach, der nach dem Laster-Katalog des Papstes Gregor tötet. Einen Fettleibigen zwingt der Killer zum Essen, bis das Opfer platzt, einer eingebildeten Schönen trennt er die Gesichtshaut ab.

Die Gegenwart scheint in den sieben Lastern aber mehr zu suchen als Stoff für spannende Geschichten. In der Hamburger Katharinen-Gemeinde läuft derzeit eine Vortragsreihe zum Thema: der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sprach über Hochmut, Moderator Reinhold Beckmann plaudert im Oktober über die Wollust. Das Raster der Todsünden ist en vogue, weil die Gesellschaft nach Orientierung sucht.

Einen Kompass will Buchautor Ernst, der laut Vorwort nicht an Gott glaubt, seinen Lesern bieten: Der Sünden-Katalog erlaube "in Zeiten zunehmender moralischer Verunsicherung und transzendentaler Obdachlosigkeit eine kritische Prüfung des Zeitgeistes". Ernst hält seinen Lesern einen Spiegel ihrer Verderbtheit vor. Er fängt bei der Gier unseres Konsumalltags an und endet beim islamistischen Terror: Seit Babel gelten Türme als Symbole menschlicher Selbsterhöhung - ein Sinnbild westlichen Hochmuts fiel mit dem World-Trade-Center.

Nicht ganz so simpel gestrickt sind die Gedanken des Soziologen Schulze. Schon alleine, weil die Todsünden viel vertracktere Ansprüche stellen als etwa die Zehn Gebote des Alten Testaments: Diese zu befolgen ist leichter getan, als ständig allzu menschliche Gefühle zu unterdrücken.

Das Streben nach Glück und schönem Leben erachtet Schulze als legitim. Nur, dass an Stelle kirchlicher Gebote heute andere Hindernisse getreten seien. Genussvolles Essen etwa verbiete nicht mehr die theologische Moral. Die Wurzel der Lustfeindlichkeit habe sich ins eigene Ich verschoben, in selbst auferlegte Kontrolle: "Viele Zeitgenossen behandeln Nahrungsmittel mit hoher Cholesterinkonzentration wie Giftmüll", schreibt der Soziologe. "Sie lesen nicht mehr die Bibel, sondern Ernährungsratgeber. An die Stelle des Morgengebets ist das Ritual des Wiegens getreten, und statt zu pilgern, joggen sie."

Schulze setzt den Sünden erstrebenswerte Güter entgegen: Freude am Essen und Trinken, an körperlicher Liebe, am Herauslassen der Wut und am eigenen Selbst. Er trifft sich darin mit dem Sozialpsychologen Rolf Haubl, der am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut forscht. "Mir geht es darum, negative Emotionen zu verteidigen", sagt Haubl, der sich mit jener Todsünde beschäftigt, deren positives Gegenstück sich am schwersten erschließt: Neid. Der führe zu Aggressionen und Depressionen, wenn er unterdrückt wird: "Das verschlimmert die Situation, weil jeder denkt, er müsse sich für seine Gefühle schämen."

"Neid stimuliert den eigenen Ehrgeiz"

Neid kann einen zerfressen - er kann aber auch in tatkräftigen Eifer umgemünzt werden. Das beneidete Glück stimuliert den eigenen Ehrgeiz - eine dynamische Triebfeder, die gesellschaftlichen Stillstand verhindert.

Von einem "dialektischen Element" spricht auch Jürgen Werner, der ebenfalls über die Todsünden geschrieben hat. Wut etwa schärfe das feine Gespür für Gerechtigkeit; Suche nach Nähe kippe dann zur Wollust, wenn sie andere überwältigen will. "Zerstörerisch ist die Verabsolutierung dieser Gefühle", sagt Werner, Philosophieprofessor an der Universität Witten/Herdecke. "Der Hang zu übertreiben gehört zum Wesen des Menschen." Die Gefahren darin hätten die Mönche im Mittelalter erkannt - "die kannten die Natur dieser Leidenschaften schon sehr genau". Die Menschen seien "Grenzamateure" und müssten lernen, sich zu beschränken. Werner empfiehlt also Mäßigung. Ein Rezept übrigens, das älter ist als die Tugendkataloge von Evagrius und Papst Gregor: Es stammt aus der Ethiklehre des antiken Denkers Aristoteles.

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