Skalpell statt Gips: Es wird zu viel operiert

- Berlin - In Deutschland wird immer noch viel zu viel operiert. So mancher Operateur greift auch ohne nötiges Wissen lieber zu High-Tech-Instrumenten, unabhängig davon, ob ein Eingriff überhaupt notwendig ist. Das erklärten führende Chirurgen zum Auftakt des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) in Berlin.

<P>"Neue High-Tech-Möglichkeiten, verfeinerte Instrumente und moderne Anästhesieverfahren führen dazu, dass Ärzte großzügiger zu Operationen raten", berichtete Dr. H.-Georg Hermichen (Neuss), Mitglied der Gutachterkommission Nordrhein. </P><P>Seit das Operieren gerade in Standardsituationen einfacher und schöner geworden und die Möglichkeiten des ambulanten Operierens gewachsen sind, werde eben auch in manchen Fällen zu unkritisch operiert, so der Unfallchirurg. Als typisches Beispiel nannte er Speichenbrüche im Unterarm, den häufigsten Knochenbruch überhaupt. Meist genüge eine korrekte Ruhigstellung im Gipsverband, eine Operation sei nur in komplizierten Fällen angesagt, dennoch werde operiert.<BR><BR>Besorgt ist der Präsident der DGU, Prof. Hartmut Siebert (Schwäbisch Hall), auch über die deutlich angestiegene Zahl von Gelenkersatz und die ebenso deutliche Zunahme von Fällen, in denen ein Kunstgelenk ausgetauscht wird. Ob dies nur ein Problem der High-Tech-Möglichkeiten oder des unkritischen Aktionismus ist, werden die Unfallchirurgen noch ausführlich gemeinsam mit den Orthopäden diskutieren.<BR><BR>Grund für die neue Gemeinsamkeit von Unfallchirurgen und Orthopäden sind die gleichen Probleme in Fragen einer qualifizierten Patientenversorgung, gleiche gesundheitspolitische Interessen und der Beschluss beider Fachgesellschaften, künftig gemeinsam die Weiterbildung zum Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie durchzuführen.<BR><BR>Bemängelt wurden auch viele überflüssige und teure Rettungseinsätze: So zeigte sich bei einer Studie im Einzugsgebiet Regensburg, dass ein Großteil der Hubschraubereinsätze eingespart werden könnte, wenn näher am Unfallort gelegene Kliniken die Versorgung übernehmen würden. Nachdem jedoch immer öfter aus Spargründen strukturelle Kapazitäten und Personal für Notfallpatienten auf ein Minimum beschränkt würden, entwickle sich ein "Schwerverletztentourismus".</P>

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