Sorge um Zappelphilipp

- Zappelphilipp, "Hans guck in die Luft" und der "bitterböse Friedrich" - sie alle weisen Merkmale auf, die Fachleute heute ADHS nennen, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Typisch für hyperaktive Kinder und Jugendliche ist die Kombination von Aufmerksamkeitsschwäche, überschießender Impulsivität und oft extremer Unruhe. Experten schätzen, dass rund eine halbe Million der 6- bis 18-Jährigen in Deutschend darunter leiden.

Für sie, für die kleinen "Zappelphilippe", aber auch für ihre Eltern und Lehrer hat Anne Best das Buch "Flippie-Bär" geschrieben. Darin wird den kleinen Patienten Mut gemacht und auch all den "großen und kleinen Leuten, die wissen wollen, wozu AD(H)S gut ist".

Während das Buch von Anne Best gerade erst erschienen ist, beschrieb der Nervenarzt Heinrich Hoffmann in seinem Kinderbuch "Struwwelpeter" schon 1845 typische Symptome. ADHS ist also keine neue Krankheit. "Aber heute wird mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt", sagt Dr. Walter Hultzsch. Der Kinderarzt aus München hat sich auf die Behandlung von ADHS spezialisiert.

Die Krankheit wird durch eine neurobiologische Funktionsstörung im Gehirn ausgelöst und kann vererbt werden. Hultzsch meint aber auch: "Es gibt heute Faktoren, die ADHS verstärken." Dazu gehöre Reizüberflutung, zu viel fernsehen, die Schnelllebigkeit und Unsicherheit in unserer Zeit, der schnelle Austausch von Werten, von materiellen genauso wie ideellen. Es sei wichtig, dass Kinder, und besonders solche mit ADHS, klare Strukturen und Regeln erhalten, sowohl von Eltern als auch Lehrern. Um die Symptome zu lindern, setzt der Mediziner in erster Linie darauf, Eltern, Lehrer und Erzieher zu instruieren. Medikamente sollten seiner Meinung nach erst als letztes Mittel eingesetzt werden.

Die gleiche Meinung vertritt auch der Münchner Kinderpsychologe Dr. Adam Alfred. "Wir versuchen, für jedes Kind eine maßgeschneiderte Therapie zusammen zu stellen", sagt Alfred. Dabei geht er auf das Kind, die Familie, Lehrer und Erzieher ein. Wenn die Krankheit im Kindesalter erkannt und entsprechend behandelt wird, bekommen die Betroffenen sie später gut in den Griff. "Ein großer Teil der Kinder wird so gut, dass das Syndrom im späteren Leben nicht weiter hinderlich ist", sagt Alfred. Dennoch behalten 20 bis 30 Prozent der Betroffenen, so Hultzsch, die Symptome auch im Erwachsenenalter.

Eine dritte Komponente, die Eltern Unterstützung bietet, sind Selbsthilfegruppen. Beate Rauscher ist Vorsitzende des Vereins "Leben mit ADHS" in Kiel. In dem Verein gibt es eine Elternselbsthilfegruppe, eine Erwachsenen-Selbsthilfegruppe und einen so genannten politischen Tisch. "Dort werden politische Veränderungen besprochen", erklärt Beate Rauscher. Der Verein bietet aber auch ganz konkrete Hilfen an, klärt zum Beispiel welche Schulen geeignet sind, welche Kurheime empfohlen werden, und die Mitarbeiter begleiten die Eltern auf Behördengängen, damit die Eltern ihre Rechtsansprüche durchbringen. Der Verein organisiert Fachvorträge und auch Gespräche mit dem Sozialministerium.

Dabei macht die Selbsthilfegruppe den Eltern auch immer bewusst: "Du bist nicht schuld." Denn immer wieder würden Mütter und Väter mit dem Vorurteil konfrontiert, dass es die Krankheit gar nicht gebe, dass sie nur eingebildet sei, dass ein alkoholabhängiger Vater oder eine alleinerziehende, womöglich überforderte Mutter "schuld" sei, dass ihr Kind auffällt.

Beate Rauscher und ihr Team gehen auch in Kindergärten und Schulen und geben Hilfestellungen für Erzieher. "Man muss den Kindern Auszeiten gönnen", so Rauscher. Sie plädiert etwa dafür, den Kindern in Schulen Ruheoasen zur Verfügung zu stellen. Gut sei auch, das Kind in die erste Reihe zu setzen, damit der Lehrer es immer im Blick habe. Die Kinderzimmer sollten "reizarm" sein, mit neutralen Teppichen, Tapeten und Vorhängen. "Weniger ist mehr bei diesen Kindern."

Adresse:

Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinderund Jugendärzte e.V.: AG ADHS, Postfach 228, 91292 Forchheim.

E-Mail: kontaktagadhs.de.

Internet: www.agadhs.de

Buchtipps:

"Das A.D.S.-Buch" Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer. Von Elisabeth Aust-Claus, Petra-Marina Hammer, Oberstebrink Verlag Ratingen (1999). 

"Flippie-Bär". Von Anne Best, Langenkämper Verlag, Hamm (2005).

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