Der Spiegel in uns

- Was den Mensch zum Menschen macht, sind im Wesentlichen die erst vor einigen Jahren entdeckten Spiegelneurone im Hirn. Sie lassen uns lieben, einfühlen, mitleiden. Der Freiburger Psychiater und Internist Joachim Bauer hält die Entdeckung dieser Nervenzellen für eine neurobiologische Sensation und hat ihnen ein aufschlussreiches Buch gewidmet.

<P>Sie lassen uns spontan ein Lächeln erwidern, das uns jemand auf der Straße im Vorübergehen schenkt. Sie lassen uns gähnen, wenn wir Andere gähnen sehen. Gemeint sind die so genannten Spiegelneurone - ein Netzwerk von Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen, die nicht nur aktiv sind, wenn ein Mensch selber handelt, sondern auch dann, wenn man Handlungen beobachtet. Um Spiegelneurone in Erregung zu versetzen, reicht es sogar schon zu hören, wenn von einer Handlung gesprochen wird. Auch das Lesen, Schmecken und Riechen kann eine entsprechende Resonanz im Hirn erzeugen. Das Nervennetzwerk steuert unsere Aktionen oft auch dann, wenn wir Sekundenbruchteile, nachdem jemand die Beine übereinander geschlagen hat, das Gleiche tun. Wir ahmen nach - Menschen sehnen sich nach Resonanz. <BR></P><P>Ohne Spiegelneurone gäbe es keine Intuition und keine Empathie, also keine Einfühlung, schreibt der Psychiater und Internist Professor Joachim Bauer von der Universitätsklinik Freiburg in seinem Buch "Warum ich fühle, was du fühlst."<BR><BR>Es würde uns nicht einmal gelingen, im Gedränge einer belebten Fußgängerzone anderen Passanten auszuweichen, da wir ihre Absichten nicht erahnen könnten.</P><P>In Beziehungen mit nahen Menschen greift die Spiegelung viel tiefer. Aus der eher flüchtigen Resonanz mit dem Gegenüber wird eine dynamische innere Abbildung dieses Menschen, komponiert aus seinen Eigenschaften: seinen Vorstellungen, Empfindungen, Körpergefühlen, Sehnsüchten und Emotionen, berichtet Bauer, der auch Psychotherapeut und Facharzt für psychosomatische Medizin ist. Über ein solches Abbild einer Bezugsperson zu verfügen, bedeutet, so etwas wie einen weiteren Menschen in sich zu haben, fügt der 53-Jährige hinzu. Der Andere wird ein Teil von einem selber. Man spürt instinktiv, was er oder sie denkt, vorhat oder befürchtet. Bauer unterstreicht jedoch: Empathie ist nicht angeboren. Sie muss vorgelebt und gelernt werden - eben: gespiegelt. Gelingt dies nicht, weil Eltern keine Zeit, Lust oder Liebe übrig haben für ihr Kind, drohen folgenreiche Entwicklungsstörungen. Sofern keine andere Bezugsperson in die emotionale Bresche springen kann, kommt es Bauer zufolge zu erheblichen Defiziten bei der Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, und beim Erwerb von Kompetenzen. </P><P>Ein Mensch, der nicht gesehen, ja übersehen wird, verkümmert. Dauernder oder wiederholter Liebesentzug ist starker Stress für die Seele und hinterlässt Folgen im Hirn. Dasselbe gilt für Mobbing. Das Gefühl, links liegen gelassen zu werden, kann Menschen seelisch zermürben und im Extremfall zerstören. Da das System der Spiegelneurone unverzichtbar für unsere gesellschaftliche Orientierung ist, erzwingt ein Ausbleiben von Spiegelung das Gefühl, in äußerster Gefahr zu schweben. Systematischer sozialer Ausschluss ist chronischer Stress, und dieser ist ein Krankheits- und Selbstzerstörungsprogramm, schreibt Joachim Bauer. Das Hirn schüttet überhöhte Mengen an Alarmbotenstoffen wie Glutamat und Cortisol aus, was Nervenzellen abtöten kann. Damit Kinder zu mitfühlenden Erwachsenen werden können, müssen ihre Spiegelneurone von Anbeginn an günstig stimuliert werden. Kinder, die selbst nur wenig Einfühlung, Rücksicht und Zärtlichkeit erlebt haben, können wegen fehlender Spiegelungserfahrungen kaum Mitgefühl empfinden und zeigen, urteilt Bauer. Bei Schulhof-Prügeleien, führt das nicht selten dazu, dass solche Kinder herzlos zuschlagen. Sie erkennen nicht, wenn Grenzen erreicht sind, beklagt der Freiburger Mediziner. </P><P>Sein Ausweg klingt simpel: Die Spiegelneurone müssen möglichst viele günstige Eindrücke vorgesetzt bekommen - gutes Nervenfutter, sozusagen. Der Fachmann rät zu einer bewussten Diät fürs Hirn. Alles, was wir sehen, hinterlässt in uns seine Spur, warnt Bauer - zumal dann, wenn das Hirn immer wieder das Gleiche konsumiert. Steter Tropfen höhlt leider auch hier den Stein. Nervenverknüpfungen, die Gewalt durch Gewöhnung nicht mehr abstoßend erscheinen lassen, bilden sich oder werden stärker. Deshalb sollten Menschen eine Wachsamkeit dafür entwickeln, welche Eindrücke wir an uns heranlassen, was uns persönlich gut tut und was nicht, empfiehlt der Autor. Bei Kindern müssen Eltern diese Filterfunktion übernehmen. <BR><BR>Lexikon aktuell<BR>Spiegelneurone sind spezialisierte Nervenzellen des Gehirns. Inzwischen ist bekannt, dass sie ein ganzes Spiegelneuron-System bilden. Vittorio Gallese und Giacomo Rizzolatti (Universität Parma) entdeckten 1996 die Neuronen während Untersuchungen am Makakkengehirn (Primaten). Die Forscher beobachteten Aktivität in einem Stirnhirnareal, das für koordinierte Bewegung zuständig ist (prämotorischer Cortex), obwohl das Tier keine tatsächliche Reaktion zeigte - der Affe beobachtete aber die Forscher beim Greifen! In der menschlichen Anatomie befindet sich das Broca-Areal (Sprach- und Gestikzentrum) im Stirnhirn. Die Entdeckung der Spiegelneurone entfachte daher neue Diskussionen über Sprachentwicklung und -erwerb des Menschen.</P><P>Buchtipp<BR>Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hoffmann und Campe, 2005, 185 Seiten. 19,95 Euro.<BR></P>

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