Spielen im Dienste der Wissenschaft

- Flink robbt Niko zur roten Plastikbox. Mit seinem ganzen Gewicht drückt sich der neun Monate alte Bub gegen die Kiste. Als sich Bälle und Plüschtiere in der Spielecke verteilen, gluckst er zufrieden. Neugierig untersucht er einen Bauklotz. "Die Babys sollen sich bei uns wohl fühlen", sagt eine Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Amalienstraße.

Niko wirkt, als fühle er sich sehr wohl im Warteraum. Was er nicht weiß: Er spielt im Dienste der Wissenschaft. Wie viele Säuglinge trägt er dazu bei herauszufinden, wie Babys die Welt begreifen lernen. "Zum Glück gibt es genügend Eltern, die unsere Einladung annehmen", sagt Dr. Moritz Daum. Mit der Forschungsgruppe "Entwicklung von Kognition und Handlung" untersucht er, ab wann Kinder verstehen, dass die Bewegungen anderer nicht zufällig sind, und in welchem Alter sie selbst ihre ersten zielgerichteten Handlungen ausführen.

Eine junge Wissenschaft, mit der sich die Forschungsgruppe um Daum und Prof. Dr. Gisa Aschersleben beschäftigt. Jahrhunderte lang galten Kinder als unvollkommene Erwachsene, als passive Wesen, die in den ersten Monaten nur reflexartig auf ihre Umwelt reagieren. "Bis vor 100 Jahren dachte man, Babys seien blind, unsensibel und würden keinen Schmerz empfinden", sagt Daum.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Sichtweise. Seit etwa 20 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler intensiv mit der kognitiven Entwicklung von Kindern im ersten Lebensjahr - eine Zeit, in der jeder Mensch mehr lernt als jemals später in seinem Leben. "Babys erforschen die Welt mit allen Sinnen und bewältigen eine Fülle von Eindrücken", erklärt Aschersleben. Wissenschaftler sprechen vom "kompetenten Säugling".

In einem Raum, in dem nichts ablenkt vom Wesentlichen, sitzt Niko auf dem Schoß seiner Mutter und blickt in einen Monitor. Darin rollen unterschiedlich große Kugeln auf feststehende Gegenstände zu. Eine Kamera zeichnet auf, wo und wie lange Niko hinschaut. Von einem Kontrollraum aus beobachten die Mitarbeiter den Versuch, spielen akustische Signale ein, sobald ein Baby sich nicht mehr auf den Bildschirm konzentriert. Später werten die Wissenschaftler aus, was die Babys besonders interessiert hat. Bei welchen Abläufen haben sie länger zugeschaut, welche Ereignisse haben sie überrascht? Als Grundlage dienen Erkenntnisse von Jean Piget, dem Begründer der modernen Entwicklungspsychologie. Er beobachtete seine eigenen Kinder in den 1930er-Jahren. Minutiös zeichnete er ihre Verhaltensmuster auf und erkannte, dass Babys eine ausgeprägte Lernfähigkeit mitbringen.

Inzwischen haben viele Studien gezeigt, dass Babys weit mehr von der Welt wissen und über sie lernen, als Piget geglaubt hat. Sie beobachten ihre Umwelt genau und ziehen Schlüsse daraus. Und so widerlegen auch die Forscher des Max-Planck-Instituts durch ihre Untersuchungen einen Irrglauben: "Kinder kommen nicht als ,Tabula rasa’ auf die Welt", erklärt Daum. Vielmehr verfügten sie schon im Mutterleib etwa über sensorische Fähigkeiten. "Sie entwickeln sich nicht erst mit der Zeit zum Menschen."

"Kinder werden nicht als Tabula rasa geboren"

Niko verhält sich mit seinen neun Monaten sehr menschlich. Ihn scheinen die Kugeln auf dem Monitor jetzt zu langweilen. Er wackelt auf dem Schoß seiner Mutter hin und her. Mit den Händen klopft er auf den Holztisch. Nicht einmal mehr die Spielsachen im Warteraum können seine Aufmerksamkeit nun lange auf sich ziehen. Erst als seine Mutter ihn in den Kinderwagen setzt und mit ihm in Richtung Aufzug fährt, geht es in seinen Augen neuen Abenteuern entgegen. Da gluckst Niko wieder zufrieden.

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