Sport mobilisiert die Stammzellen fürs Herz

- Machen gesunde Menschen Sport, um gesund zu bleiben, oder macht Sport gesund? Rund um den Globus haben sich ungezählte Forschergruppen mit dieser Frage beschäftigt, haben Erfahrungsberichte gesammelt und vergleichende Studien betrieben. Fazit: Sport ist gesund. Ein Glaubenssatz zwar, aber einer, von dem inzwischen immer mehr Menschen mit Herz- und Gefäßerkrankungen profitieren.

<P>Früher wurde ihnen geraten, sich möglichst nicht anzustrengen, damit das geschwächte Organ nicht überstrapaziert wird. Doch heute setzt sich mehr und mehr die Ansicht durch, dass ein individuell dosiertes körperliches Training die Gefäß- und Herzfunktion verbessert und Beschwerden lindert. Ungeklärt ist aber bislang das Warum. </P><P>Eine Erklärung dafür, wie Bewegung im Reich der Zellen wirkt, haben inzwischen Kardiologen der Uniklinik Homburg/Saar in Tierexperimenten und klinischen Untersuchungen herausgefunden.</P><P>Viele Herz-Erkrankungen haben ihre Ursache in der "Arterienverkalkung", medizinisch Arteriosklerose, einer fortschreitenden Verengung von Blutgefäßen. Tabakgifte, Bluthochdruck, Dauerstress und erhöhte Blutfette begünstigen diesen Prozess und schädigen die Gefäßinnenwände. </P><P>Bis zu einem gewissen Grad funktionieren die Reparaturmechanismen der Zellen ganz gut: schwach geschädigte Zellen werden instand gesetzt, stark geschädigte Zellen begehen Selbstmord (Apoptose). Die Lücken werden durch Teilung von Nachbarzellen aufgefüllt.</P><P>EPC lässt neue <BR>Blutgefäße wachsen</P><P>Doch es gibt einen weiteren Reparaturmechanismus, an dessen Entdeckung Forscher aus Frankfurt, Rostock und Düsseldorf beteiligt waren. Er gründet auf der Erkenntnis, dass vor allem das Knochenmark Stammzellen freisetzt, die sich vieltausendfach teilen und zu verschiedenen Zelltypen des Blutsystems heranreifen (etwa weiße oder rote Blutkörperchen).</P><P>Aus diesen Stammzellen (die nicht mit embryonalen, also sehr jungen Stammzellen zu verwechseln sind, aus denen sich grundsätzlich alle Zellarten des Organismus bilden) können aber auch sehr unterschiedliche Körpergewebe entstehen. Gesichert ist dies bisher für die Zellen der Gefäßinnenwand (Endothelien). Bildhaft gesprochen infiltrieren Stammzellen, aus denen sich "endotheliale Progenitorzellen (EPC)" gebildet haben, das geschädigte Gewebe, reifen darin aus und ersetzen schadhafte Zellen der Gefäßwand. EPC veranlasst auch die Blutgefäße dazu, neue Gefäßäste zu bilden.</P><P>"Von großer Bedeutung sind deswegen Untersuchungen, die zeigen, wie die Zahl und Funktion der EPC reguliert wird", sagt Dr. Ulrich Laufs von der Kardiologie Homburg. Fest steht bereits, dass alle bekannten Herz-Risikofaktoren die EPC-Zahl drastisch reduzieren. Die Folge: Die Selbstreparatur der Gefäße wird stark eingeschränkt. </P><P>Deswegen ist es wichtig, dass man in der Medizin heute mit körpereigenen und synthetischen Wachstumsfaktoren die EPC-Zahl im Blut erhöhen kann. Gleiches vermögen auch bestimmte Medikamente: die sogenannten Statine, die zur Blutfettsenkung verordnet werden. Der Frankfurter Herzspezialist Prof. Andreas Zeiher sieht in den Entdeckungen den Beginn einer neuen Kardiologie. Seine Vision: EPC-Zellen werden aus dem Blut von Herzinfarktpatienten entnommen, im Labor vermehrt und wieder zurückgegeben, damit sie die Schäden der Infarktzone beheben.</P><P>Eine Vision, die zum Leitbild der modernen Kardiologie geworden ist, die gerade damit beginnt, die Möglichkeiten von Stammzellen zu erforschen, nicht nur der erwachsenen, sondern auch der embryonalen. So wurde im März dem Münchner Kardiologen Privatdozent Wolfgang-Michael Franz erstmals die Genehmigung zur Arbeit mit importierten embryonalen Stammzellen erteilt. Er will an diesen jugendlichen Stammzellen die Prozesse bis zur Heranreifung von Herzmuskelzellen untersuchen. Gelingt das künstliche Heranreifen natürlicher Vorläuferzellen zu Herzmuskelzellen (etwa mit Hilfe von Wachstumshormonen), könnte man sie zur Ausheilung von Infarktschäden nutzen.</P><P>Gleiche Erkenntnisse will in Homburg Prof. Michael Böhm aus Stammzellen des erwachsenen Organismus (adulte Stammzellen) gewinnen. </P><P>Möglicherweise ist die EPC-Vermehrung aber einfacher zu starten: durch Sport. In Versuchen mit Mäusen haben Laufs und Kollegen beobachtet, dass Zahl und Funktion von EPC im Blut jener Tiere erhöht waren, die unermüdlich ein Laufrad in Gang hielten, und bei denen Gefäßverletzungen schneller und besser heilten.</P><P>Die Homburger Herzspezialisten und ein Team vom Saarbrücker Institut für Präventiv- und Sportmedizin haben bei Reha-Patienten geforscht und Hinweise dafür erhalten, dass es sich bei gefäßkranken Menschen, die Sport treiben, ähnlich verhält. Laufs: "Wir wollen nun herausfinden, wie sich EPC durch Bewegung vermehren und ob sich Sport stärker als bisher in der Behandlung Herz- und Gefäßkranker einsetzen lässt." <BR><BR></P>

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