Der Tod der Sprache

- Sie haben ausgefallene Namen wie Wichita, Chipaya Lacardon oder Salar: Sprachen, die vom Untergang bedroht sind, weil sie nur noch wenigen Menschen zur Verständigung dienen.

<P>Wichita zum Beispiel sprechen nur noch sieben ältere Menschen eines nordamerikanischen Indianerstammes in Anadarko, in Oklahoma. Doch nicht nur die "kleinen", sondern die meisten der 6500 weltweit gesprochenen Sprachen werden sehr bald verschwinden: "Schuld am raschen Verschwinden vieler Sprachen sind die modernen Medien und die Mobilität der Menschen, vor allem aber Fernsehen und Internet, die sich bis in die hintersten Winkel der Erdteile verbreitet haben", erklärt Peter Wittenburg, der Technische Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen.</P><P>Jetzt hat sich die interdisziplinäre Förderinitiative zur "Dokumentation bedrohter Sprachen" zum Ziel gesetzt, die bedrohten Sprachen aufzuzeichnen, um sie für spätere Generationen zu erhalten. Die Initiative, an der zahlreiche deutsche Universitäten beteiligt sind, wird von der Volkswagenstiftung unterstützt. "Mit jeder verlorenen Sprache drohen auch lebendige kulturelle Zeugnisse der Menschheit zu verschwinden, wie Mythen, Rituale und Traditionen", sagt Wittenburg.</P><P>Bewaffnet mit Tonband, Videokameras und Notizblöcken wollen die Sprachwissenschaftler nun zusammen mit Völkerkundlern und Anthropologen retten, was zu retten ist. Dazu sind sie in allen Teilen der Welt unterwegs. Sie filmen und interviewen die Menschen, die noch die bedrohten Sprachen sprechen. Die Ergebnisse ihrer Dokumentation werden in ein zentrales Sprach-Archiv eingespeist, das Wittenburg aufbaut.</P><P>"Ab wann eine Sprache vom Aussterben bedroht ist, das liegt nicht allein an der Zahl ihrer Sprecher", erklärt er. Oft reichen ein paar Dutzend Sprecher, damit eine Sprache überlebt, sofern die Eltern ihren Kindern die traditionelle Muttersprache beibringen. "Es kann vorkommen", erläutert Wittenburg, "dass eine Sprache mit nur 60 Sprechern völlig überlebensfähig ist, während eine Sprache wie etwa das Salar in Nordchina mit mehreren tausend Sprechern, die alle über 65 Jahre sind, als massiv bedroht gilt."</P><P>Dasselbe Schicksal droht auch einer Sioux-Sprache, dem Hocank. Es wird derzeit noch von rund 5000 Indianern im Staat Wisconsin/USA gesprochen. "Die Sprache wird es in 20 Jahren nicht mehr geben", prohpezeit der Forscher. In Deutschland ist die Sprache der Sorben, eines slawischen Volkes akut bedroht: Das Niedersorbische aus dem Raum Cottbus ist bereits fast ausgestorben, nur noch Vereine und Philologen halten die Spracherinnerung wach, wie ein Experte für slawische Sprachen berichtet. Das Obersorbische dagegen, das im Raum Bautzen zu Hause ist, gilt noch als gängige Sprache, ihre Verbreitung nimmt aber auch ab.</P><P>Wann aber hören Eltern auf, ihre Sprache weiterzugeben? "Entweder werden sie dazu gezwungen, etwa im Sinne eines politisch motivierten kulturellen Homogenisierungsdrucks, oder das Vergessen der Sprache ist Ausdruck ihrer inneren Einstellung: Sie halten die eigene Sprache für wertlos und meinen, die Lebenschancen ihrer Kinder verbessern zu können, wenn sie ihnen die Muttersprache nicht vermitteln", meint Wittenburg.</P><P>Doch gerade wenn die eigene Kultur eine Minderschätzung erfährt, können fremde Menschen, die sich für sie interessieren und die Sprache akribisch aufzeichnen, Wunder bewirken und das Selbstbewusstsein stärken, davon ist das ganze Forscherteam überzeugt. In jeweils dreijährigen Projekten dokumentieren die Kulturforscher die bedrohten Sprachen, für die es meist weder ein Lexikon noch eine Grammatik gibt. Ihre Arbeit ist teilweise detektivisch, denn sie verstehen anfangs die Ausdrücke selber nicht. Wort für Wort, Satz für Satz müssen entschlüsselt werden.</P><P>Am Ende eines Projekts steht eine umfassende Multimedia-Dokumentation mit Video- und Audioaufnahmen. "Wir hoffen, auf diese Weise die vom Aussterben bedrohten Sprachen und Kulturen noch viele hundert Jahre in Erinnerung halten zu können", sagt Wittenburg. </P><P>Internet: www.mpi.nl/dobes</P>

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