Sprechender Ton

- Wie hingegossen liegt der Zecher auf den Kissen. Das weite Faltengewand ist längst verrutscht. Der efeubekränzte Kopf ruht träge auf dem nach hinten gebeugten Arm. Die Hand hält nur noch mit Mühe die Trinkschale. "Auf den Vasen trifft man alles, was die Menschen in Athen umtrieb", sagt Stefan Schmidt und schlägt den schweren grauen Bildband zu.

Das Symposion im alten Griechenland, das ritualisierte Trinkgelage, trieb viele im alten Athen allabendlich um. Es verleitete sie zu ausschweifendem Weingenuss und manchmal auch - wie Platon erzählt - zu tiefen Gesprächen.

Dass wir heute über den Alltag in Athen besser Bescheid wissen als über den vieler anderer Kulturen der Antike, verdanken wir nicht nur den Werken der Philosophen, Dichter und Geschichtsschreiber. Hände griechischer Künstler schufen eine wissenschaftliche Quelle, wie es sie nur für das antike Griechenland gibt. Sie malten Szenen ihrer Welt auf Amphoren und Trinkschalen, erzählten auf Mischkesseln und Hochzeitsvasen Geschichten von Heroen und Göttern.

"Nirgends sonst erfährt man so viel über die Mentalität der Griechen", sagt Schmidt. In seinem Büro in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften arbeitet der Archäologe daran, die einzigartige Quelle für die Wissenschaft zu erschließen. Schmidt ist Redaktor des Corpus Vasorum Antiquorum (CVA), einer wissenschaftlichen Dokumentation der griechischen Vasen. Zusammen mit vier Mitarbeitern erfasst er alle figurengeschmückten Gefäße, die in deutschen Museen und Sammlungen lagern.

"Die Geschichte des Corpus ist vergleichsweise jung", erzählt Schmidt. Das internationale Projekt, an dem insgesamt 25 Länder von Dänemark bis Russland beteiligt sind, startete 1921 in Paris. Die Deutschen stießen 1937 mit einer Stelle in München hinzu - und zeigten sich bald als fleißige Vasen-Dokumentatoren. Seitdem sind mehr als 300 Bände erschienen, 81 davon kamen aus der bayerischen Landeshauptstadt.

Die Wissenschaftler fotografieren Tongefäße aus Museen, Magazinen sowie privaten Sammlungen, beschreiben ihre Herkunft, ihr Material und ihren Bilderschmuck. Etwa bis 2040 soll das Großprojekt der Archäologie, das seit kurzem auch online zugänglich ist, beendet sein.

Ludwig I. sammelte in München antike Vasen

Die Mitarbeiter des CVA leisten indes nicht nur Grundlagenforschung. Sie tragen auch dazu bei, dass die Vasenschätze erhalten bleiben. In das Werk aufgenommen werden nur restaurierte Stücke. In Zusammenarbeit mit Museen lassen sie die Vasen dazu wiederherstellen.

"München ist gerade hier ein schwieriger Fall", erzählt Schmidt. Denn die Schätze der Antikensammlung, die Bayerns Kunstkönig Ludwig I. einst aus Italien zusammentrug, haben im Krieg üble Blessuren erlitten. Viele Tongefäße dieser mit Berlin größten Sammlung antiker Vasen in Deutschland sind nur noch ein Häuflein Scherben. Sie lagern in Pappschachteln in den Magazinen des Museums und warten auf Hände, die ihre Bilder wiederbeleben. Das CVA trägt dazu bei.

Die Bilderwelt der Vasen erzählt indes nicht nur von den Trinkgelagen. Außer Szenen aus dem Mythos, wie man sie derzeit auch in der Troja-Ausstellung bewundern kann, erzählen die Bilder von Krieg und Sport, man erhält einen Eindruck vom Handel und dem griechischen Haushalt. "Der Mann von der Straße ist hier präsent wie sonst nur in den Komödien", sagt Schmidt.

Den Archäologen verraten die Bilder manchmal Geheimnisse, die sonst unerkannt blieben. Zum Beispiel über Kampftechnik, über die Mode und auch über die Gefäße selbst. Vielen begegnet man auf den Bildern als Trink- und Mischgefäße beim Symposion. "Für Blumen auf dem Kaminsims waren die griechischen Vasen niemals bestimmt", sagt Schmidt.

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