Staatlich verordnete Karriere

- Die Wahl ihres Studiums traf Liqiu Meng nicht freiwillig. Das 15 Jahre alte Mädchen hatte gerade das Abitur in der Tasche. Da bot ihr die chinesische Regierung einen Studienplatz für Vermessungswesen und Kartographie an. Eine Alternative gab es nicht. Doch aus der erzwungenen Wahl wurde bald wahre Liebe: Die junge Chinesin begeisterte sich für das Fach.

Bis heute ist sie ihm treu geblieben. Auch wenn der Studienwunsch damals in China wenig zählte - in puncto Gleichberechtigung war das Land einen Schritt vorn: "In China studierten damals genauso viel Männer wie Frauen Ingenieurswissenschaften", erzählt Liqiu Meng. Nur die besten hatten später die Möglichkeit, auch ins Ausland zu gehen. Liqiu Meng nutzte ihre Chance und bestand ihr Studium mit Bravour. Nach Zwischenstationen in Hannover und Schweden ist die 42-Jährige nun seit acht Jahren Professorin für Kartographie an der Technischen Universität München (TUM).

"Die moderne Kartographie stützt sich vor allem auf digitale Informationen, erklärt Meng, zum Beispiel auf Fernerkundungssatelliten oder auch das Global Positioning System (GPS). Die Kunst des Kartenzeichens per Hand spielt kaum noch eine Rolle in der Welt der Geodäsie und Geoinformatik, in der es gilt, riesige Datenströme zu verarbeiten. "Im Grundstudium müssen unsere Studenten noch lernen, wie man eine Karte richtig per Hand schattiert", erzählt Meng. Denn die Ästhetik einer Darstellung lerne man am besten über das eigene Zeichnen. Auf dem Lehrplan stehen aber natürlich auch digitale Techniken der Visualisierung.

Zu ihrer chinesischen Heimat hat Meng heute eine berufliche und eine private Beziehung. "Beruflich sehe ich mich als Brückenpfeiler zwischen Deutschland und China", erklärt Meng. Die Wissenschaftlerin unterhält mit den Kollegen in Fernost gemeinsame Forschungsprojekte und hat sich zudem zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit weiter auszubauen.

Privat fliegt Liqiu Meng öfter nach Shanghai. Dort wohnen ihre Eltern. Doch selber zurückzukehren in ihre Heimat hat sie noch nicht geplant. "Ich habe in München meine Familie und mein Sohn besucht hier eine deutsche Schule", sagt sie.

Ganz aus ihrem Kulturkreis ist die Wissenschaftlerin aber auch in München nicht herausgerissen. Mehrere tausend Chinesen leben in der bayerischen Landeshauptstadt. Sie feiern die traditionellen chinesischen Feste, wie das Mondfest oder das Laternenfest.

Auch die Entwicklungen der Wissenschaftslandschaft in China verfolgt Liqiu Meng aufmerksam. "Heute können Studenten viel freier ihr Studienfach wählen, als ich es damals konnte", sagt sie. "Von den Chinesen, die in Deutschland studieren, geht ungefähr die Hälfte wieder zurück in die Heimat", schätzt Meng. "Denn die Forschungsbedingungen für Wissenschaftler sind nicht schlecht - solange man sich unpolitisch verhält."

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