Stadt unter der Stadt: Archäologen erforschen das alte Tenochtitlan

- Mexiko-Stadt - Als die spanischen Eroberer 1519 zum ersten Mal die mexikanische Hauptstadt sahen, da verschlug es ihnen fast die Sprache. "Wir marschierten wie im Traum durch diese Herrlichkeiten", schwärmte noch viele Jahre später der Chronist Bernal Díaz del Castillo von der Pracht der Aztekenmetropole México-Tenochtitlan. Doch da deren Bewohner den Fremdlingen so zähen Widerstand leisteten, sah der Feldherr Hernán Cortés kein anderes Mittel die Stadt zu unterwerfen, als sie systematisch in Trümmer zu legen.

<P>Was von den Fundamenten des alten Tenochtitlan geblieben ist, ruht heute meistens mehr als zwei Meter unter dem Pflaster von Mexiko- Stadt. Im einstigen Tempelbezirk haben Archäologen in den vergangenen Wochen eine Reihe neuer Enteckungen gemacht. Wie der Leiter des Programms Urbane Archäologie, José Alvaro Barrera, erläutert, wurden unter dem Straßenbelag allein im Januar Reste von vier aztekischen Tempeln entdeckt, darunter die Westmauer des Tempels der Adlerkrieger. An der Mauer des heutigen Nationalpalastes fanden die Ausgräber ein Kinderskelett. Es handelt sich dabei vermutlich um einen Fall von Menschenopfer, denn in dem kleinen Körper steckte ein 30 Zentimeter langes, durch den Mund eingeführtes Feuersteinmesser.</P><P>Die Archäologen folgen in der Altstadt von Mexiko-Stadt in der Regel den Kanalarbeitern auf den Fuß. Wo immer eine Straße aufgerissen wird, sind sie zur Stelle, um die Unterwelt nach Zeugnissen der Vergangenheit abzusuchen. Sie registrieren, zeichnen und fotografieren die unterirdischen Mauerreste, die nach Abschluss der Tiefbauarbeiten oft wieder unter der Erde verschwinden. An einigen Stellen werden aber "archäologische Fenster" aus Plexiglas in den Boden eingefügt, die Fußgängern dann einen Blick auf das prähispanische Gemäuer erlauben.</P><P>Bereits im Februar 1978, vor 25 Jahren also, begann in der Altstadt die Freilegung und Teilrekonstruktion des Templo Mayor, des aztekischen Haupttempels, um den während der Conquista erbitterte Kämpfe ausgefochten wurden. Den Schilderungen des Chronisten Bernardino de Sahagún zufolge standen in dem rund 500 mal 500 Meter großen Tempelbezirk Tenochtitlans insgesamt 78 Gebäude. 40 davon haben die Archäologen bisher ausfindig gemacht.</P><P>Allein unter der mächtigen Kathedrale schlummern Barrera zufolge Reste von mindestens elf aztekischen Tempeln. Sie wurden in den 90er Jahren entdeckt, als Denkmalschützer vom Kircheninneren aus Bohrungen ins Erdreich trieben, um das Gotteshaus zu stabilisieren. Für Grabungen unter Privathäusern fehlten jedoch meistens die Mittel. Er glaube nicht, dass alle 78 Tempel - falls die Zahl stimmt - noch zu seinen Lebzeiten lokalisiert würden, sagt der 42-jährige Barrera.</P><P>Ansonsten können sich die Ausgräber über Unterstützung durch die Behörden im geschichtsbewussten Mexiko nicht beklagen. Das war nicht immer so. Als vor rund 200 Jahren nahe der Kathedrale die Statue der aztekischen Muttergöttin Coatlicue bei Bauarbeiten entdeckt wurde, wurde sie zunächst wieder vergraben. Nicht nur, dass die Gestalt mit ihren Gürteln aus Schlangen und Totenköpfen dem Schönheitsideal des Klassizismus widersprach, die Stadtväter fürchteten damals auch, durch den Fund könnten die heidnischen Kulte wiederbelebt werden.</P>

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