Der ständige Begleiter

- Hamburg - Innerhalb weniger Jahre haben sich die kleinen elektronischen Geräte in unser Leben geschlichen. Die Erfolgsstory des Handys verlief so schnell, dass sie kaum jemand bewusst wahrnahm: Wurden Nutzer bis vor ein paar Jahren noch schief angeguckt, ist es heute fast unmöglich, nicht mobil erreichbar zu sein - drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands sind es ohnehin. Handys verwandeln sich in Video-Player, Herztöne-Messer und Navigationssysteme. Geändert hat sich nach Expertenansicht auch unsere Art, miteinander zu kommunizieren.

<P>"Wir haben uns eine beinahe südländische Mentalität angewöhnt", sagt der Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich von der Universität Erfurt. Bei Verabredungen würden Zeit und Ort kaum noch vorher besprochen. "Wir tasten uns mit Telefonaten und Kurz- Nachrichten langsam an den Termin heran." Trotz Nähe Distanz zu wahren - zum Beispiel im Bus neben Fremden zu sitzen und so zu tun, als höre man nicht bei deren Gesprächen zu - sei noch schwieriger geworden, seit auch Telefongespräche in die Öffentlichkeit rückten. "Das hat unsere höfliche Gleichgültigkeit durcheinander gebracht."</P><P>Geändert habe sich auch die Aussagekraft des Handys. Galt das Gerät zunächst als Statussymbol, spricht es nach Ansicht Höflichs mittlerweile eine eigene Sprache: "Wenn eine Frau in eine Kneipe kommt und ihr Handy herausholt, so heißt es "Baggern lohnt nicht, ich bin schon mit einem Ohr bei jemand anderem"." Jedes Land habe seine eigenen Codes: So gilt das Mobiltelefon in Italien nach Aussagen Höflichs immer mehr als Modeaccessoire. Anders in Finnland: "Die Jugend benutzt wieder alte, große Handys und will damit zeigen: "Ich hab's nicht nötig, mich mit immer neuen Geräten zu schmücken"."</P><P>Vorangetrieben wird dieser kommunikative Wandel von etwa 60 Millionen Menschen, die in Deutschland nach Schätzungen der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post in Besitz eines Mobiltelefons sind. Vor zehn Jahren waren es 1,76 Millionen, gerade mal 3 Prozent der heutigen Mobilfunk-Gemeinde. Weltweit gab es im vergangenen Jahr erstmals mehr Handy- als Festnetz-Benutzer, wie aus einem Bericht der Weltorganisation für Telekommunikation (ITU) hervorgeht.</P><P>In Deutschland haben unter den 20 bis 29-Jährigen 88 Prozent ein Handy. Das fanden die Verlage Axel Springer und Bauer in einer Verbraucheranalyse (VA) vom Frühjahr heraus. Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der Menschen mit Handy ab. Doch auch Senioren sind in den Mobilfunknetzen vertreten: Von den 65- bis 69-Jährigen telefoniert jeder fünfte mobil, bei den Menschen über 70 Jahren jeder zehnte.</P><P>"Das Handy ist das Kontaktmittel Nummer eins geworden", sagt die Psychologin Inka Saldecki-Bleck aus Niederkassel bei Bonn. Besonders beliebt seien Kurzmitteilungen. 23,6 Milliarden davon verschickten die Deutschen allein 2002, das entspricht etwa einer SMS pro Handynutzer am Tag. Viele seien so mutiger geworden, anderen Dinge mitzuteilen, die sie sich sonst nicht zu sagen trauten. "Einerseits bringen vorsichtige Menschen so eher ihre Meinung zum Ausdruck", sagt Saldecki-Bleck, "andererseits schreiben wir oft voreilig etwas, was wir nicht so gemeint haben." Die knappe Sprache führe leicht zu Missverständnissen.</P><P>Bei Angst-Patienten wirkt das Mobiltelefon nach den Erfahrungen der Psychologin als Therapie-Hilfe. "Mit dem Handy in der Tasche haben sie wieder Mut rauszugehen." Andere stünden dauernd unter Spannung, weil sie das Handy nie ausschalteten. "Fehlende Ruhezeiten münden oft in Magen- oder Herzprobleme."</P><P>Gleichzeitig entwickeln sich die Geräte immer mehr zum mobilen medizinischen Helfer: Spezialausführungen können Herztöne aufzeichnen und sie an Call-Center versenden, wo die Daten von Ärzten ausgewertet werden. Auch für Diabetiker und Epileptiker werden Handys mit Sonderfunktionen entwickelt. "Das meiste sind noch Pilotprojekte, mit neuen Übertragungskapazitäten kommen aber auch neue Angebote", heißt es beim Informationszentrum Mobilfunk (IZMF) in Berlin.</P><P>Das Online-Magazin "Xonio" sieht die Zukunft des Handys vor allem in der so genannten Video-Telefonie, bei der auch während des Telefonierens bewegte Bilder aufgezeichnet und zeitgleich versendet werden können. "Es gab schon viele Versuche des Bildtelefons", sagt Xonio-Chefredakteur Axel Burkert, "aber beim Festnetz war es nach einer Zeit einfach zu langweilig, das Gegenüber anzugucken". Mit dem Handy sei der Nutzer dagegen an immer wechselnden Orten. "Das wird eine echte Interaktion mit Bildern."</P>

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