Die Sternkundigen des Zweistromlands

- Auf den ersten Blick sind die Zeichen kaum zu unterscheiden. In die unscheinbaren Tontäfelchen, die auf dem Tisch vor Hagan Brunke vom Institut für Assyriologie und Hethitologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) liegen, sind Striche eingedrückt, mal waagrecht, mal senkrecht. Alle tragen ein dreieckiges Köpfchen. Doch auf den Tontäfelchen sind keine kindischen Kritzeleien. Es sind Zeugnisse einer der ältesten bekannten Schriften der Menschheit, der sogenannten Keilschrift.

Es waren die Völker der Sumerer, Babylonier und Assyrer, die einst waagrechte, senkrechte und schräge Keile in den weichen Ton drückten. Alle Zeichen hatten eine genau festgelegte Bedeutung. Im Alltag waren die eine große Hilfe: Die Verwaltung des Staates und des Handels konnte genau organisiert und dokumentiert werden. Die ältesten Dokumente sind etwa 5000 Jahren alt.

Die ersten Schreiber hielten indes nicht nur die Bewegungen im Handel fest. Sie blickten zum Himmel und beschrieben, was sie sahen. Die Anfänge der schriftlichen Astronomie in der Menschheitsgeschichte sind in Keilschrift überliefert.

Hagan Brunke beschäftigt sich unter anderem mit diesen Texten. Sie enthalten Beobachtungen, die vermutlich bis auf das 21. Jahrhundert vor Christus zurückgehen. "Die Menschen des Zweistromlandes hatten eine sehr genaue Vorstellung von Planeten und Sternen, als sie begannen, ihre Beobachtungen aufzuschreiben", sagt Brunke.

Ein dickes Buch in der Instituts-Bibliothek an der Schellingstraße enthält alle bekannten Keilschrifttexte über die Himmelsbeobachtungen. Vieles ist nur noch fragmentarisch erhalten. Doch klar ist: Etwa ab dem siebten Jahrhundert vor Christus wurden die Beobachtungen auch über lange Zeiträume durchgeführt. Periodisch auftretende Ereignisse, wie sie bei der Bewegung der Planeten und des Mondes zu beobachten sind, sind mit hoher Präzision vorausberechnet. Offenbar gab es schon damals hoch spezialisierte Astronomen.

"Die Gelehrten sind wohl im Einflussbereich von Tempelanlagen zu suchen", vermutet Brunke. Aufzeichnungen über die Sternkundigen gibt es jedoch nicht. "Fest steht auch, dass man schon damals klar zwischen mathematischer Astronomie und Astrologie unterschied", sagt Brunke.

Auch in unserer heutigen Vorstellung des Himmels finden sich Spuren der Astronomie der Babylonier und Assyrer. "Die Bezeichnungen für die Sternenbilder Skorpion, Zwilling und Waage gehen auf babylonischen Ursprung zurück", erklärt der Altertumswissenschaftler.

Mit der Öffnung des Irak sind jüngst neue Keilschrifttexte aufgetaucht. Astronomische Aufzeichnungen waren jedoch nicht darunter. Viele Texte aus dem Irak werden derzeit von skrupellosen Räubern verkauft. Die Plünderung der altorientalischen Schätze ist kaum aufzuhalten - was die Arbeit der Forscher fast unmöglich macht. Auch Hagan Brunke ist besorgt: "Hier gehen uns fast täglich wertvolle Schätze eines großartigen Weltkulturerbes verloren."

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