Sturm auf die Männerbastion

- "Je mehr Frauenzimmer höhere Schulen besuchen, um so mehr steht die Männer in Gefahr, zu duldenden Eunuchen zu werden." So malte die Bayerische Landeszeitung am 18. Januar 1900 die verheerenden Folgen aus, sollten Frauen in Bayern zum Studium zugelassen werden. Für andere war die studierte Frau geradezu "naturwidrig".

Schon aufgrund ihres zu kleinen Gehirns sei sie zum Studium nicht geeignet, behauptete 1872 Theodor von Bischoff, Medizinprofessor in München. Nach seinem Tod stellte sich heraus: Bischoffs eigenes Gehirn wog fünf Gramm weniger als der von ihm errechnete weibliche Durchschnitt.

Im Jahr 1472 öffnete in Ingolstadt die erste bayerische Universität - doch nicht für Studentinnen. Die erste Frau wurde 1903 in die Hallen der Alma Mater aufgenommen. "Es war die größte Revolution in der Geschichte der Universitäten", erzählt Christiane Wilke. Mit Begeisterung spricht die Historikerin vom "Sturm der Frauen auf die Männerbastion". Zum hundertsten Jubiläum der akademischen Frauenbildung gestaltete sie die Ausstellung "Forschen, Lehren, Aufbegehren", das gleichnamige Buch ist im Buchhandel erhältlich.

Bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts forderten Frauen im Deutschen Reich den Zugang zu Bildung und Berufen. Doch zunächst mit geringem Erfolg. Bis zur Jahrhundertwende standen Bürgerstöchtern nur untergeordnete Berufe offen wie Gouvernante oder Gesellschafterin. Im europäischen Vergleich war Deutschland Schlusslicht: In Zürich öffnete sich die medizinische Fakultät bereits 1864 für Frauen.

Nach Diskussionen und wiederholten Anträgen von studierwilligen Frauen erlaubte das Königreich Bayern als zweiter deutscher Teilstaat 1903 das Frauenstudium. Im ersten Semester 1903/04 schrieben sich an den drei bayerischen Universitäten München, Würzburg und Erlangen 30 Studentinnen ein. "Das waren nur 0,4 Prozent der Studierenden. Das von Männern befürchtete ,uferlose Hereinströmen’ blieb aus", sagt Wilke. Als Hauptgrund für die geringe Zahl sieht die 55-Jährige die Hürde Abitur, die für Mädchen zunächst nur über teuren Privatunterricht zu schaffen war. An Gymnasien waren sie nicht zugelassen. Bis nach dem Ersten Weltkrieg blieb die 1912 eröffnete Luisenschule in München das einzige Mädchengymnasium.

Oft war der Weg der Forscherinnen steinig, wie der von Emmy Noether. Heute noch ist sie mit ihrer "Idealtheorie in Ringbereichen" in jedem Algebrabuch vertreten. Ihre Anträge auf eine Habilitation wurden jedoch lange abgelehnt. "Manche Studenten, die sie ausgebildet hat, wurden eher Professor als sie selbst." Wilke schüttelt empört den Kopf.

Nicht nur in den Naturwissenschaften, auch in der Rechtswissenschaft legten die männlichen Kollegen den Frauen Steine in den Weg. So wurde in den 1920er-Jahren ernsthaft diskutiert, ob Frauen für den höheren juristischen Staatsdienst geeignet sind. Denn sie seien während ihrer Menstruation nicht bei Sinnen und könnten so keine zuverlässigen Urteile fällen.

Puddingabitur und Frauenbewegung

Ein kleiner Durchbruch kam während der Jahre des Zweiten Weltkriegs. Im Semester 1943/44 waren in Deutschland über 28 000 Frauen eingeschrieben, so viele wie nie zuvor. Mit einem hauswirtschaftlichen Abschluss - "Puddingabitur" genannt - konnten sich junge Frauen ab 1941 an Hochschulen einschreiben.

In der Nachkriegszeit brach die Diskussion über ein Frauenstudium erneut los. "Das Normalbild der Frau war das der Hausfrau und Mutter", sagt Wilke. Erst die Frauenbewegung in den 70ern ließ die Zahl der Studentinnen steigen.

Heute ist für junge Frauen ein Studium genauso selbstverständlich wie für Männer. Die Historikerin Wilke betont jedoch: "In der akademischen Karriere gibt es immer noch die sogenannte gläserne Decke für Frauen." Der Anteil an Professorinnen stieg in Bayern nicht parallel zum Studentinnenanteil, sondern stagnierte bei etwa sechs Prozent. Der Sturm der Frauen auf die Männerbastion dauert noch an.

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