Die Suche nach dem großen Knall

- "Das Blau ist am schwierigsten", sagt Professor Thomas Klapötke. Wenn der Chemiker in den funkelnden Sylvesterhimmel blickt, sieht er mehr als Feuerschweife und explodierende Sterne. "Das Licht kommt von angeregten Metall-Ionen", belehrt er. Stronziumsalze funkeln dunkelrot, Magnesium blitzt weiß, Tellur leuchtet grasgrün.

Bei ihrem Flug in den Nachthimmel besitzen die positiv geladenen Moleküle überschüssige Energie. Um die loszuwerden, senden sie Blitze aus, gelbe, rote, grüne. Klapötke, der an der Ludwig-Maximilians-Universität anorganische Chemie lehrt, malt eine Formel auf einen Zettel, die die magische Wandlung beschreibt. Ein Blitz steht für das Farbenspiel. "Nur Blau ist eben selten", sagt er. Warum, das sei nicht einfach zu beantworten.

Die Zauberlichter des Feuerwerks faszinieren den Münchner Professor. Doch Feuer fängt Kalpötke, wenn es knallt. "Als Kind habe ich schon mal Böller geworfen", erzählt er. Heute sind Silvesterknaller für ihn kleine Fische. Wenn bei Klapötke ein Knall ansteht, dann steckt er seinen Kopf in einen Helm mit Ohrenschützern, wirft seine schusssichere Weste über und schlüpft in seine geerdeten Schuhe. Denn bereits ein winziger Funke könnte die Detonation auslösen. Im Keller, hinter Panzerglas, zündet er dann den Big Bang.

Klapötkes Haupt-Forschungsgebiet sind Sprengstoffe und Treibstoffe. Er holt ein Glas mit weißem Pulver aus dem Schrank: "Damit fliegt die Ariane 5." Leider ist das Pulver nicht aus Klapötkes eigener Werkstatt. Doch ein von seinem Team entwickelter Raketen-Treibstoff wird gerade erprobt. Zwei Sprengstoffe - 30 Prozent stärker als TNT - testet die US Army.

Bis ein erfolgreicher Sprengstoff entwickelt ist, dauert es freilich Jahre. "Natürlich explodiert da immer wieder mal was ungewollt", sagt Klapötke. Doch, wenn die Münchner Forscher einen neuen Stoff zünden, haben sie bereits eine Ahnung von seiner Sprengkraft. Auch wenn die Mixtur neu ist. Computer errechnen, welche Energie frei wird. "Mit der Schrödinger-Gleichung geht das. Da braucht man nur Grundkonstanten", sagt Kalpötke. Und einen leistungsfähigen Computer. Das theoretische Wissen zur Berechnung ist nicht neu. "Doch früher wäre man Jahre mit einem Taschenrechner dagesessen."

Ist die Rechnung vielversprechend, mixt Klapötke die Verbindung im Labor. Dann muss sie sich bewähren. Zum Beispiel beim Fallhammer-Test: Ein Gewicht fällt auf den Sprengstoff und bringt ihn zur Explosion. "Wir suchen nach Sprengstoffen, die nicht zu leicht explodieren", sagt Klapötke. Ein harter Aufprall, ein Benzinfeuer - das kann bei einem Unfall leicht passieren. Der Stoff sollte dann nicht gleich in die Luft gehen. Außerdem muss natürlich seine Sprengkraft groß sein. Doch gerade die Kombination ist selten. Entweder ist der Stoff instabil oder wenig Energie wird frei. "Man muss Zehntausend ausprobieren, bis einer so gut ist, dass er auf den Markt kommt."

"Ich habe auch vor Feuerwerk Respekt"

Denn die Ansprüche an neue Spreng- und Treibstoffe sind hoch. Die Rückstände sollen umweltverträglich sein. Sonst verwandeln sie Truppenübungsplätze und im Krieg ein ganzes Land in eine Sondermülldeponie. Auch Rauch ist schlecht. Er macht zum Beispiel Radaranlagen auf sich aufmerksam. Einer der Gründe, warum Schwarzpulver heute ausgedient hat.

Die Raketen schießt es allerdings noch immer in den Nachthimmel. Und jedes Silvester wird Kalpötke nervös, wenn er Jugendliche sorglos damit hantieren sieht. "Ich habe auch vor einer Feuerwerksrakete Respekt", sagt Klapötke.

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