Suche im Schlamm bei klirrender Kälte

- Es stürmt, die Lufttemperatur liegt bei 30 Grad unter Null und der Boden unter den Füßen schwankt. "So in etwa sind die Arbeitsbedingungen auf dem Deck der Polarstern, wenn sie durch das Wedellmeer in der Antarktis, stampft," erzählt Michael Schrödl von der Zoologischen Staatssammlung in München, der mittlerweile schon dreimal mit dem größten deutschen Forschungsschiff, der "Polarstern", in den eisigen Gefilden rund um den Südpol unterwegs gewesen ist, um die Meeresfauna am Grunde des polaren Ozeans zu erforschen.

<P>Der Alltag der Wissenschaftler auf einer Forschungsreise in die Antarktis ist straff durchorganisiert. "Erholsam ist die Fahrt nicht, denn Zeit ist Geld" erzählt Schrödl. "Sobald das riesige Treibnetz nach stundenlangem Fischen die Proben vom Meeresgrund auf dem Deck der Polarstern freigibt, beginnt die schnelle Auslese der interessanten Tiere, die sich in den Maschen verfangen haben." Das Meerwasser hat minus 1,8 Grad. Bei 30 Grad unter Null aber, die es an der Oberfläche hat, gefriert das ganze Material innerhalb weniger Minuten. Die Tiere sterben und verlieren damit für die Wissenschaftler an Wert. Nach der Auslese beginnen die ersten Untersuchungen in den Schiffslabors, die rund um die Uhr von den 50 Wissenschaftlern an Bord belegt sind.</P><P>Zweimal im Jahr auf Forschungsfahrt<BR> <BR>Zweimal pro Jahr bricht die "Polarstern" von ihrem Heimathafen Bremerhaven auf in die polaren Gewässer. Erste Aufgabe der Besatzung ist die Versorgung der deutschen Arktis- und Antarktisstationen. Zudem gibt es für Glaziologen, Biologen oder Geophysiker ein Forschungsprogramm, das die Wissenschaftler zuvor detailliert beschreiben müssen, um einen der begehrten Plätze auf dem Schiff zu erhalten. <BR><BR>Wenn das Schiff dann endlich ausläuft, befinden sich immer rund 100 Leute, Crewmitglieder und Wissenschaftler, an Bord. "Sobald man auf dem Schiff ist, bekommt man lange keinen festen Boden mehr unter die Füße, erklärt Schrödl. "Über 2000 Tiere haben wir alleine auf unserer letzten zweieinhalbmonatigen Fahrt gesammelt, die jetzt in der Zoologischen Staatssammlung in München beschrieben und eingeordnet werden müssen - Arbeit für viele Monate." <BR><BR>Bei der Untersuchung und Erstbeschreibung der Tiere werden den Organismen meist lateinische Kunstnamen gegeben. Da können dann schon mal Namen verdienter Persönlichkeiten oder auch der Name der Freundin mit einfließen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die Biologen zeigen hier großen Einfallsreichtum. <BR><BR> Michael Schrödl befasst sich vor allem mit Weichtieren, sogenannten Mollusken. Man könnte vermuten, dass der Meeresboden rund um die Antarktis eine öde Wüste ist. Doch die Organismen, die die Fanggeräte der "Polarstern" ans Tageslicht befördert beweisen das Gegenteil. Inmitten von Tonnen von braunem Schlamm kreucht und fleucht es nur so. Man findet Tintenfische, Schnecken oder zahlreiche Muscheln. "Die Artenvielfalt, vor allem die der Kleinstlebewesen, in antarktischen Gewässern steht denen in gemäßigten Breiten, wie denen beispielsweise im Mittelmeer kaum nach," betont Schrödl. Weltweit sind mittlerweile über 150 000 verschiedene Molluskenarten bekannt. Und so hat der Biologe viele noch nicht beschreibene oder sogar bis jetzt noch unbekannte, teilweise auch sehr farbenprächtige Tiere aus den polaren Gewässern mit nach München gebracht. Diese warten jetzt, eingelegt in alkoholgefüllte Gläsern auf ihre weitere Untersuchung. Zusammen mit über 20 Millionen anderen Tieren, die das Archiv der Zoologischen Staatssammlung umfasst, bilden sie einen riesigen wissenschaftlichen Schatz.<BR>Im nächsten Jahr wird Schrödl über die vielen, in den letzten Jahren neu entdeckten antarktischen Weichtiere einen umfassenden Atlas gemeinsam mit Kollegen herausgeben.<BR><BR> Trotz aller Strapazen in der Antarktis, sind die Aufenthalte auf der "Polarstern" dem Münchner Zoologen in bleibender Erinnerung geblieben. Bedrohliche Orkane, durch die sich das Schiff kämpfte, genauso wie von der Abendsonne beschienen Eisberge haben unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Nicht zuletzt werden Gedanken an die Abenteuerberichte der ersten Antarktisforscher wach. "Man bekommt enorme Ehrfurcht vor den Pionieren der Antarktisforschung, wie Erich von Drygalski, Robert Falcon Scott oder Sir Ernest Shackleton, die hier mit viel primitiveren Mitteln unterwegs waren, vor allem dann, wenn es wieder einmal Windstärke elf hat und man kräftig durchgerüttelt wird."</P><P><BR>Am 15. November lädt die Zoologische Staatssammlung in München-Obermenzing (Münchhausenstr. 21) zum Tag der offenen Tür. <BR></P>

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