Taktik-Tipps aus der Welt der Physik

- Physik-Professor Metin Tolan bekommt seine Vorlesung an der Universität Dortmund zurzeit mühelos voll: Er widmet sie der Physik des Fußballs. Wir sprachen mit ihm über seine Formel, nach der Deutschland den Titel holt, über bedauernswerte Torhüter und das Wembley-Tor.

Wie kamen Sie auf ihre Weltmeister-Formel?

Tolan: Ich wollte unsere Mannschaft zum Titel führen, suchte eine Formel, mit der das gelingt, und fand sie. Aus den deutschen Platzierungen bei bisherigen Weltmeisterschaften lässt sich eine um 3,7 schwankende Kosinusfunktion konstruieren. Beim jetzigen Turnier kommt 1,2 heraus, weil Deutschland im Schnitt alle viereinhalb Weltmeisterschaften den Titel holt.

Glauben Sie daran?

Tolan (süffisant): Selbstverständlich, ein eindeutiger mathematischer Beweis, überraschend einfach.

Die Formel für Brasilien dürfte ähnlich aussehen.

Tolan: Die braucht man nicht, weil die FIFA ja nur einen Titel vergibt - an Deutschland.

Sie sagen, beim umstrittenen Tor im Finale 1966 war der Ball 0,02 Sekunden hinter der Linie . . .

Tolan: Ich analysierte Aufnahmen des Wembley-Tores Pixel für Pixel. Der Ball prallte mit hoher Geschwindigkeit und scheinbar starker Rotation von der Latte ab. Ich folgerte, dass er für ganz kurze Zeit in vollem Umfang hinter der Linie gewesen sein könnte - muss mich aber korrigieren.

Warum das denn?

Tolan: Kürzlich sah ich im Fernsehen neue Aufnahmen aus besserer Perspektive, direkt von der Torlinie aus. Anscheinend rotierte der Ball nicht schnell genug - und war wohl nicht hinter der Linie.

Dann müssten Sie eigentlich Hans Tilkowski, damals Torwart, anrufen. Der hat in einem Vortrag von Ihnen die alte Version gehört.

Tolan: Und leider sehr verbissen darauf reagiert. Er wäre bei weitem nicht so berühmt, wenn der Schiedsrichter anders entschieden hätte. Aber tatsächlich zeigt die Physik, dass Torhüter die ärmsten Würste sind.

Warum?

Tolan: Weil der Luftwiderstand die Flugbahn so verformt, dass sie kaum vorherzusehen ist. Am Ende fällt der Ball fast senkrecht.

Die Physik entlastet den polnischen Torwart, dem sein kolumbianischer Gegenüber einen Treffer aus 100 Metern einschenkte?

Tolan: Ja, zumal bei Aufsetzern zwei weitere Faktoren hinzukommen: die Beschaffenheit des Bodens und die Elastizität des Balles, also wie er aufgepumpt ist. Weil beides jedesmal anders ist, sollten die Torhüter beim Einspielen darauf besonders achten.

Vermissen Sie im Stadion Bananenflanken?

Tolan: Nicht wirklich, ich sehe viele angeschnittene Freistöße. Die folgen dem gleichen physikalischen Prinzip.

Hat die Wissenschaft Tipps für die Schützen parat?

Tolan: Geschwindigkeit und Drall sind optimal, wenn sie den Ball 70 Prozent vom Mittelpunkt treffen. 0 Prozent sind ein mittiger Vollspannstoß; 100 Prozent ein Streicheln ganz außen.

Weiß das Roberto Carlos?

Tolan: Er trifft fast immer die richtige Stelle, wohl intuitiv.

Welche Taktik empfehlen Sie Jürgen Klinsmann?

Tolan: Mit der Offensive wählt er leider die falsche. Eine spielerisch unterlegene Mannschaft bezwingt stärkere Gegner am häufigsten in Spielen mit wenigen Toren - so wie die Griechen bei der Europameisterschaft. Beim Tennis gewinnt übrigens fast immer der Bessere, darum ist Fußball reizvoller.

Was lehrt Fußball über die Physik?

Tolan: Er ist eine schmutzige Variante der idealen Welt der klassischen Mechanik. In der gibt es weder Reibung noch Elastizität. Ein Abstoß von Jens Lehmann fliegt nach Newtonschen Formeln 100 Meter weit, in echt sind es nur 50. Meine Studenten lernen, reale Probleme zu lösen.

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