Tamil im Takt der Kuhglocken

- Bauer Thomas Murböck ist die Sache nicht geheuer. "Die haben einen ganzen Stapel Bücher hochgschleppt." Der Mann im karierten Hemd legt seine breite Stirn in Falten. Auf's Brauneck, bei strahlendem Wanderwetter. So etwas hat seine Berghütte, die Anderl-Alm, noch nicht gesehen. "Das ist doch kein Ort zum Lernen", findet er.

Die Studenten, die den Weg auf die Alm mit einem siebenbändigen Lexikon angetreten haben, sehen das anders. Sie hoffen, dass die Höhenluft auch ihren Geist beflügelt. "Mens sana in corpore sano", sagt Eva-Maria Glasbrenner lachend. Sie hat ein Grüppchen aus vier Studenten und zwei Dozenten motiviert, den Seminarraum für fünf Tage in über 1300 Metern Höhe zu verlegen.

Tamil ist die schnellste Sprache der Welt

Auf dem Lehrplan stehen Grammatik und das Tiruvacakam, ein religiöses indisches Werk. Durch die Lektüre wollen die Studenten ihr Tamil, eine der 22 anerkannten Nationalsprachen Indiens, auf Vordermann bringen.

Auf der Alm gibt es für die Lernwilligen keine Gnade. Bereits um sieben Uhr morgens wartet Professor Robert Zydenbos in einer Krachledernen vor einem Stapel von Büchern und Papier. Auf den Seiten kringeln sich winzige Schlangen, prangen kunstvolle Ornamente: die Buchstaben der tamilischen Schrift. Die Studenten lesen. Ihre Worte klingen wie tief aus der Kehle gezogen, dunkel, ratternd, zerhackt. "Wie Kieselsteine, die in einem Eimer rasseln", sagt Dozentin Dagmar Hellmann-Rajanayagam, die in ihrem neuen Dirndl die Fortschritte der Studenten bewacht. Wissenschaftler haben die Laute gezählt und festgestellt: Tamil ist die schnellste Sprache der Welt.

Für Sumathi - und etwa 60 000 Menschen in Deutschland - klingt das Rasseln im Eimer dagegen nach Heimat. Eine Gastdozentur brachte die Inderin aus Tamil Nadu nach Passau und auf die Alm-Hütte. Hier verbessert sie die Sprechversuche der Studenten.

Wie alle Südinder liebt Sumathi die schnellen Laute ihrer Sprache - und deren lange Geschichte. Neben Sanskrit, dem "Latein Indiens", einer "toten" Sprache der Gelehrten, ist es die älteste Sprache des riesigen Landes. Die frühsten erhaltenen Werke, zarte Liebeslyrik und grausame Heldenlieder, entstanden vor etwa 2000 Jahren. "Da fließt richtig Blut", sagt Dagmar Hellmann-Rajanayagam begeistert. Gehauchte Herzensergüsse liegen der resoluten Norddeutschen mit der durchdringenden Stimme wenig. In den Jahrtausenden hat sich Tamil, das zur dravidischen Sprachfamilie gehört, nicht stark verändert. "Wenn sich ein Tamile anstrengt, kann er die alten Schriften verstehen", sagt die Dozentin, einen Kochlöffel in der Hand. Er dient als liebevolle Motivationshilfe für ihre Studenten.

Die pauken, unterbrochen nur von indischen Gesängen und dem Läuten der Kuhglocken, jeden Tag acht Stunden lang. Sie hören von der Erschaffung des Kosmos durch den Gott Shiva, schwitzen über Negativ-Konjugationen und Relativ-Partizipien, wühlen sich in die indische Religion und Philosophie. In der Ruhe der Berge wächst das Wissen rasch.

Doch warum lernen junge Menschen eine indische Sprache? "Weil es glücklich macht", sagt Eva-Maria und schwärmt von der Poesie der Texte. "Weil es interessant ist", sagt Benjamin Hoinle, Indogermanistik-Student. Indien, das sei viel, viel mehr als Taj Mahal, Hare Krishna und Ayurveda. "Die indische Philosophie gibt Antworten, wo sie das Christentum schuldig bleibt", sagt Eva-Maria. Zum Beispiel, warum es das Böse auf der Welt gibt. Robert Zydenbos erzählt von der bunten indischen Kultur: "Hier gibt es mehr Unterschiede als in ganz Europa." Je mehr man diese verstehe, desto mehr verstehe man sich selbst. "Man darf die Politik und Wirtschaft nicht vergessen", fährt Dagmar Hellmann-Rajanayagam dazwischen, "das moderne Indien".

"Fleißig glernt?", unterbricht eine Stimme aus der heimischen Gegenwart die Studenten. Die fünf Tage sind um, die Bücher landen in den Rucksäcken. Und Bauer Thomas Murböck blickt immer noch etwas ungläubig.

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