Vom Taschenbeuler zum Alleskönner

München - Als Ralf Gerbershagen 1995 bei Motorola einsteigt, sind Mobiltelefone bereits so klein, dass sie in die Seitentasche seiner Sakkos passen. Nur wirklich leicht sind die Geräte noch nicht: 300 Gramm, so viel wie drei Tafeln Schokolade, wiegt Gerbershagens erstes Handy, das Modell Micro Tac, hergestellt von seinem neuen Arbeitgeber. "Man nahm in Kauf, dass die Anzüge irgendwann ausgebeult waren", erzählt der 44-Jährige heute. "Schließlich waren das Statussymbole."

Gerbershagen, mittlerweile Deutschland-Chef der US-Firma Motorola, erlebte damals die Anfangszeit einer kommunikativen Kulturrevolution in Deutschland hautnah mit. Die hatten die Vorgängerfirmen von Vodafone (Mannesmann) und T-Mobile (Detemobil) angezettelt, als sie am 30. Juni und 1. Juli 1992 ihre digitalen Mobilfunknetze hochfuhren und damit in Deutschland den Boden für die massenhafte Verbreitung von Handys bereiteten. Das analoge C-Netz war seit Anfang der 90er-Jahre völlig überlastet, als einige zehntausende Politiker, Diplomaten, Manager oder Spediteure mit sündhaft teuren Autotelefonen umherfuhren oder sich an Geräten groß wie Aktenkoffer abschleppten. Die neue Infrastruktur hingegen versprach grenzenlose Kapazitäten für die Übertragung des gesprochenen Wortes.

Zunächst interessiert das kaum jemanden. D2-Privat von Mannesmann zählt zum Betriebsbeginn 5000 Kunden, bei D1 sind es nicht viel mehr. Nur wenige, vor allem technikverliebte Anwender greifen zu den Handys von Motorola, Siemens oder Nokia. Und das obwohl die Geräte wegen der platzsparenden Digitaltechnik für damalige Verhältnisse tatsächlich handlich daherkommen - auch wenn sie vermutlich ein Loch in Ralf Gerbershagens Jackett gerissen hätten.

Doch dann platzt der Knoten schneller als viele dachten: Ende des Jahres 1992 sind in Deutschland eine Million Mobilfunkverträge unterzeichnet; sechs Jahre später fällt die Zehn-Millionen-Marke. Neben T-Mobile und Vodafone kämpfen zu diesem Zeitpunkt bereits die kleineren Netzbetreiber E-Plus und Viag Interkom (heute: O2) um Kunden. Im August 2006 schließlich kommt statistisch gesehen auf jeden Einwohner Deutschlands ein Handy. "Das sind längst keine Spielzeuge einer elitären Minderheit mehr", sagt Markus Preul vom Branchenverband Bitkom.

Vor allem die eingebrochenen Preise haben den Siegeszug angeschoben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts halbierten sich die Minuten-Tarife in den letzten zehn Jahren. Auch die Telefone verbilligten sich wesentlich, weil sie in größeren Stückzahlen produziert werden. Fachmann Preul schreibt zudem den 1997 eingeführten Prepaid-Angeboten einen großen Anteil am Durchbruch des Handys zu. In jedem zweiten Gerät steckt heute eine solche Guthaben-Karte, die den Besitzer nicht an einen Betreiber bindet.

Längst vorbei ist die Zeit, in der Handys nur telefonieren konnten. 1995 wird der SMS-Dienst nutzbar, den die Deutschen schon bald exzessiv nutzen. Über 20 Milliarden Kurzmitteilungen verschickten sie allein im letzten Jahr. Darüber hinaus dient Reisenden das Telefon längst als Wecker, Autofahrern als Navigationsgerät, Managern als Terminkalender und Jugendlichen als Musikbox. Standard sind auch Kameras - zum Leidwesen manches Prominenten. "Wenn ich im Meer bade, einkaufen gehe, einen Burger esse oder mit dem Fahrrad durch die Wüste fahre: Es wird irgendwo im Internet zu sehen sein, weil es irgendwer mit seinem Handy filmt", sagte der US-Schauspieler Bruce Willis kürzlich.

Videos und Handy-TV halten viele Experten ohnehin für den nächsten Trend im Mobilfunk. Bald will etwa T-Mobile eine Kurzfassung der "Tagesschau" anbieten. Bei O2 können sich Jugendliche ab nächster Woche Musikvideos bei MTV herunterladen. Doch ob die Nachfrage groß sein wird, ist fraglich: 88 Prozent der Deutschen wollen mit ihrem Handy vor allem telefonieren, und SMS schreiben, wie eine Forsa-Umfrage gerade ergab.

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