Techno-Schatztruhe

- Die Natur ist weder Paradies noch Zaubergarten. So viele neue Arten das Licht der Welt erblickten, so viele verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Mammut, Riesenlibelle oder Dinosaurier gehören zu den Verlierern eines immer währenden Überlebensspiels mit denkbar einfachen Regeln: Was nicht funktioniert, wird ausrangiert. Nach mehr als drei Milliarden Jahren Evolution gelten die Innovationen der Natur als beinahe perfekt.

<P>Der Trick: Die Natur setzt nicht auf starre Konstruktionspläne. Das macht ihre Schöpfungen weniger anfällig. So schafft sie es, Elefanten- und Menschenzähne, Eierschalen und Schmetterlingsseide, Schildkrötenpanzer oder Perlmutt, Büffelhörner und Muschelgehäuse bei Temperaturen von maximal 38 Grad Celsius umweltneutral und recycelbar herzustellen. </P><P>Der Mensch versucht nun, von den Tricks der Natur für neue Technologien zu lernen. Es gibt ein ganzes Forschungsgebiet, die Bionik, die ihrem Erfindungsreichtum nachspürt. Es mag zwar manchen Naturfreund erschrecken, aber Technik hat ihren Ursprung in Lebensvorgängen - und nur dort. Technik ist deshalb auch nichts Unnatürliches. "Wer das glaubt, hat die lebende Natur nicht genügend beobachtet, weiß vermutlich nicht, was sich beispielsweise im Inneren von Zellen, bei der Energieumwandlung, der Informationsverarbeitung im Reich der Pflanzen und Tiere wirklich abspielt", so der Münchner Autor Kurt G. Blüchel in seinem neuen Buch "Bionik", das im März zur Eröffnung der diesjährigen Weltausstellung Expo in Japan beim Verlag C. Bertelsmann erscheint. Darin schildert er viele Nutzungsmöglichkeiten der geheimen Baupläne der Natur.</P><P>So verfügt der kanadische Waldfrosch Rana sylvatica über eine Anpassungsfähigkeit, die manchen Klimatechniker inspirieren könnte. Wenn im Winter das Thermometer weit unter den Gefrierpunkt fällt und seine Umwelt im Kälteschock erstarrt, versucht er erst gar nicht, einen warmen Unterschlupf zu finden. Im Gegenteil: er lässt sich, wo er gerade hockt, kurzerhand einfrieren. Blut, Lymphe und sämtliche anderen Körperflüssigkeiten außerhalb der Zellen verwandeln sich zu winzigen Eiskristallen. Dadurch wird der kleine Frosch bei mehr als zehn Grad unter Null hart wie ein tiefgekühlter Hähnchenschenkel - lebt aber weiter: Das Innere seiner Zellen bleibt trotz der klirrenden Umgebungskälte flüssig, weil bestimmte Eiweiße und eine hohe Salzkonzentration den Gefrierpunkt herabsetzen. </P><P>Trickreich ist auch die orientalische Hornisse: Israelische Forscher in Tel Aviv fanden im Außenskelett des Insekts organische Halbleiterkristalle eingelagert, die wie Solarzellen funktionieren. Den Solarstrom nutzen die wehrhaften Hornissen, um einerseits Wärme zu produzieren und andererseits ihren Bewegungsapparat und ihre Stoffwechselprozesse mit Energie zu versorgen. Erstaunlich dabei ist, dass dieses biologische System elektrische Energie erzeugen und auch speichern kann. Für Bioniker liegt der Schluss nahe, dass eines Tages mit lebenden Solarzellen die photovoltaische Technik revolutioniert werden könnte.<BR><BR>Bionisches Arbeiten und Forschen muss nicht gleich zu verwertbaren Lösungen führen. Aber es beeinflusst Ingenieure und Architekten, Mediziner und Designer in ihren Überlegungen. Bionik - eine Melange aus Biologie und Technik - ist ein spannendes Kreativitätstraining. Die Natur bietet dazu ein fantastisches Ideenpotenzial.<BR>Da ist etwa der Wintergarteneffekt. In der Übergangszeit von Herbst und Winter heizen sich gläserne Wände angenehm auf, wenn Sonnenstrahlen ihre Wärme abgeben. Im Sommer allerdings wird es dahinter ohne Schatten und Lüftung sehr heiß.</P><P>Den Berliner Physik-Chemiker und Bioniker Professor Helmut Tributsch hat das Nachdenken darüber zu der Entdeckung geführt, dass Schnecken in den Gletscherregionen auf etwa 3000 Meter Höhe Glashäuser besitzen. In ihnen sammelt sich die Wärme wie in den Wintergärten. Dadurch sind die Tiere noch aktiv, wenn es für Schnecken ohne Glashaus längst zu kalt ist.<BR><BR>Anleihen der Natur weisen Erfinder und Konstrukteure oft von sich. Kein Wunder: Weist doch das deutsche wie das europäische Patentrecht Anträge grundsätzlich zurückweist, wenn der Antragsteller sich auf natürliche Vorbilder beruft. Auch der Entdecker des Lotos-Effektes, der Bonner Botanik-Professor Wilhelm Barthlott, hatte bei seiner spektakulären Entdeckung mit dieser seltsamen Gepflogenheit seine Not. Vorsorglich empfahlen seine Patentanwälte, den Bionikgedanken aus der Patentschrift herauszunehmen. Immerhin präsentiert die Natur, genauer, die Lotusblume, die selbstreinigende mikrostrukturierte Oberfläche - Schmutz perlt mit dem Regen ab - seit Jahrmillionen.<BR><BR>Büchertipp:<BR>Bionik - Wie wir die geheimen Baupläne der Natur nutzen können, von Kurt G. Blüchel. C. Bertelsmann Verlag, März 2005, 21,90 .</P><P>EXPO 2005<BR>"Weisheit der Natur" lautet das Schwerpunktthema der Expo, der diesjährigen Weltausstellung, die in der japanischen Stadt Aichi zu sehen ist. Die Symbiose aus Natur und Technik wird auch das Thema sein, mit dem sich Deutschland und Frankreich vom 25. März bis Ende September in einem gemeinsamen Pavillon auf der Expo präsentieren.</P>

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