Tropenkrankheiten auf dem Weg nach Bayern

- München - Sandmücken im Münchner Ostpark, Blutsauger der Gattung Anopheles an bayerischen Seen: Immer wieder stechen die sirrenden Überträger von Tropenkrankheiten auch hierzulande zu. Durch den Klimawandel, so fürchten Experten, könnten sie sich bald stärker ausbreiten - im Schlepptau gefährliche Krankheiten wie Malaria, Leishmaniose und Dengue-Fieber.

Noch sind die Fälle, bei denen sich Menschen in Deutschland mit einer Tropenkrankheit infiziert haben, extrem selten. "Nur Einzelfälle sind beim Robert-Koch-Institut dokumentiert", sagt der Münchner Tropenmediziner Nikolaus Frühwein. Doch einer Studie des Bundesumweltamtes zufolge sind in den vergangenen Jahren in Deutschland vermehrt Erreger von Tropenkrankheiten sowie deren Überträger nachgewiesen worden. Ein weiterer Hinweis, dass der Klimawandel Folgen hat: Die Fälle der von Zecken übertragenen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) haben sich innerhalb eines einzigen Jahres verdoppelt.

Katastrophale Vorsorge gegen Reisekrankheiten

Frühwein hält es zwar für Spekulation, die Fälle ausschließlich den steigenden Temperaturen zuzuschreiben. Doch rät auch er zu erhöhter Vorsicht. So sollten Ärzte bei unklaren Krankheitsbildern stets auch an tropische Infektionen denken. Auch die Reisenden nimmt der Mediziner in die Pflicht: Je mehr Viren sie aus dem Ausland einschleppen, desto leichter könnten diese auch hier heimisch werden.

"Die Vorsorge gegen Reisekrankheiten ist katastrophal schlecht", schimpft Frühwein. Dabei warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer deutlichen Zunahme gefährlicher Infektionen weltweit. Betroffen sind vor allem von Mücken übertragene Erkrankungen wie Malaria. Für etwa zwei Prozent der Infektionen soll der Klimawandel verantwortlich sein. "Doch auch die Verarmung der Drittländer könnte schuld sein", vermutet Frühwein.

Unbestritten ist indes, dass in den vergangenen Jahren fast ausgerottete Krankheiten an vielen Urlaubszielen eine Renaissance erleben. So musste die WHO ein wichtiges Ziel vertagen: Bis zum Jahr 2000 wollte sie die Kinderlähmung ausgerottet haben. Heute verbreitet sich die Infektion wieder über Süd- und Ostafrika, Indonesien und Saudi-Arabien. Einen großen Rückschritt beklagt die WHO in Nigeria. Hier wird nicht mehr geimpft. Denn man glaubt, die USA wollten mit dem von ihnen hergestellten Impfstoff den muslimischen Kindern schaden.

Die Kinderlähmung ist nicht das einzige Beispiel: Auch an der Schlafkrankheit leiden in Ländern der Dritten Welt wieder mehr Menschen. Und mit der Leberentzündung Hepatitis A könne man sich längst nicht nur in den "klassischen Ländern" anstecken. Ein Problem ist sie heute auch in beliebten Reisezielen wie der Türkei, Marokko und Ägypten. "Selbst wer öfter mal beim Italiener Muscheln isst, kann sich infizieren", sagt Professor Hans Dieter Nothdurft von der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Experten raten daher dringend zur Impfung. "Egal wohin man reist", sagt Frühwein.

Moskitoschutz hilft, Infektionen zu verhindern

Keinen Impfschutz gibt es gegen eine Erkrankung, die sich 2006 zu einer wahren Seuche entwickelt hat: "Vor Schmerzen gebeugt", das heißt Chikungunya auf Deutsch. Denn quälende Schmerzen in Gliedern und Gelenken begleiten das Fieber. Die von Mücken übertragene Infektion verbreitete sich auf Madagaskar, den Seychellen, La Ré´union. Zum Teil infizierte sich ein Viertel der Einwohner.

Die ersten Symptome zeigen sich zwei bis acht Tage nach der Infektion. Der Erkrankte beginnt plötzlich zu fiebern. Er leidet unter Schüttelfrost und Schmerzen. In einigen Fällen steigt nach einer scheinbaren Besserung das Fieber erneut. Hautausschlag kommt hinzu. Vor allem die kleinen Gelenke schmerzen, manchmal monatelang.

"Der Verlauf ist bei der aktuellen Epidemie oft schwerer als früher", sagt Prof. Nothdurft. Allein auf La Ré´union starben nach Angaben der Behörden etwa 100 Menschen. Auch einige Deutsche kamen aus ihrem Urlaub mit Fieber und schmerzenden Gliedern zurück und mussten ärztlich behandelt werden.

Von Mensch zu Mensch kann Chikungunya nicht übertragen werden. Gegen eine Infektion in gefährdeten Ländern hilft allerdings nur eines: Mittel, die einem die Mücken vom Leibe halten.

Moskitoschutz ist auch der Königsweg, um auf Reisen eine Infektion zu verhindern, deren Symptome dem Chikungunya-Fieber ähneln. "Das Dengue-Fieber ist heute ein weltweites Problem", sagt Frühwein. Überträgerin der Viren, die sich von Südafrika nach Asien und Südamerika ausgebreitet haben, ist die Tigermücke. Meist ist der Erkrankte nach zwei bis drei Wochen wieder gesund. Die Gefahr steigt aber bei einer zweiten Infektion.

Doch wollen die Tropen-Mediziner niemandem die Freude an Trips in die Ferne nehmen. "Wenn man sich richtig schützt, ist Reisen so gut wie ungefährlich", sagt Frühwein.

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