Tückischer Verwandlungskünstler

Der Grippe-Erreger: - Die Grippewelle schwappt über Deutschland. In den Arztpraxen drängen sich die Kranken, bei den Gesundheitsämtern werden täglich mehr Fälle gemeldet. Offenbar ist eine schwere Epidemie losgebrochen. Dass sich dies beinahe jedes Jahr wiederholt, liegt an der Verwandlungskunst des Virus. Denn wie kaum ein anderer ändert der Erreger der Grippe ständig seine Form.

Die Nase läuft, die Augen tränen, das Quecksilber steigt: Was der Volksmund Grippe nennt, ist in Wahrheit meist ein grippaler Infekt. "Ein solcher wird von Rhinoviren oder Adenoviren ausgelöst, die vergleichsweise harmlos sind", sagt Dr. Dieter Hoffmann, Virologe an der TU München. Man spricht dann auch von einer Erkältung. Sie klingt meist nach ein paar Tagen ab.

Anders bei der "echten Grippe" oder Influenza. Hier streckt das Virus den Kranken mindestens eine Woche lang nieder. Oft fühlt man sich noch Wochen nach der Infektion schlapp.

Die wichtigste Waffe der Medizin ist der Impfstoff

Früh erkannt, können Medikamente, sogenannte Neuraminidase-Hemmer, helfen, die Grippe schneller zu überstehen. Die wichtigste Waffe der modernen Medizin aber ist ein Impfstoff. Er enthält Teile abgetöteter Grippeviren. Anders als zum Beispiel bei Röteln und Masern wappnet eine Spritze jedoch nicht lange gegen die Krankheit. Denn das Influenza-Virus ist tückisch. Besonders Viren vom Typ A -­ die Medizin unterscheidet die Typen A, B und C -­ sind Meister der Verwandlung. Schnell haben sie sich so verändert, dass das menschliche Immunsystem sie nicht mehr zuverlässig erkennen kann - selbst wenn es bereits eine Grippe überstanden hat oder durch eine Impfung geschützt ist.

Forscher beobachten daher weltweit das Virus bei seinen Verwandlungen. Die Weltgesundheitsorganisation macht jährlich eine Vorhersage, welche Viren im Winter unterwegs sein werden. Beinahe jedes Jahr wird dann ein neuer Impfcocktail gemixt. Er hilft gegen die Viren der Saison. Gesunde sind bis zu 90 Prozent vor einer Grippe geschützt. Ältere Menschen deutlich weniger. Doch ist hier die Impfung besonders wichtig. Sie verhindert Komplikationen und Todesfälle.

Neue Grippe-Viren haben ihren Ursprung meist in Südostasien. Ursache dafür könnte sein, dass die Menschen dort sehr eng mit ihren Haustieren zusammenleben. "Die Influenza befällt auch viele Tierarten", sagt Dr. Hoffmann. Eine Besonderheit im Reich der Viren. Die meisten für den Menschen gefährlichen Erreger haben sich auf ihren Hauptwirt spezialisiert. "Mit Grippe können Sie im Prinzip auch Ihre Katze oder ein Schwein anstecken", sagt Dr. Hoffmann. Besonders das Schwein gilt unter Forschern als Brutstätte neuer Grippeviren. Denn sowohl Erreger, die Vögel krank machen, als auch Viren, die für Menschen typisch sind, können es befallen.

Die Verwandlungskunst des Virus führte auch zu den großen Grippe-Pandemien des vergangenen Jahrhunderts. In den Jahren 1918 bis 1919 tötete die sogenannte Spanische Grippe bis zu 50 Millionen Menschen. Auch die Asiatische Grippe, die 1957/58 wütete, und die Hongkong-Grippe von 1968 bis 1970 forderten jeweils etwa eine Million Todesopfer.

Die tödlichen Pandemie-Viren entstanden durch eine Fähigkeit des Influenza-Virus-A, die Forscher Antigen-Shift nennen. Dabei infizieren zwei verschiedene Grippe-Viren dieselbe Zelle. In ihr können sie große Teile des Erbguts austauschen. Heraus kommt ein neues Grippe-Virus. Ist dieses zudem noch besonders gefährlich ­ kann sich rasant vermehren oder leicht verschiedene Zelltypen angreifen ­ kann es zu einer Pandemie mit Millionen Toten kommen.

Normalerweise ist der Grippe-Erreger wie jedes Virus indes ein Spezialist. Es greift die sogenannten Epithel-Zellen an, die die Atemwege auskleiden. Gelangt es ins Blut, kann es allerdings auch den Herzmuskel entzünden. Ein Grund, warum auch Sportler sich bei einer Grippe-Erkrankung Ruhe gönnen sollten. Für jeden, den die Grippe gepackt hat, gilt daher als oberster Rat: Bettruhe und die Krankheit gründlich auskurieren.

Gesunder Rat: Wie erkenne ich die Grippe?

Der Beginn ist schlagartig. Sie beginnt mit Muskel- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost. Das Fieber ist hoch. Oft steigt es über 39 Grad. Der Hals schmerzt. Das Schlucken ist beschwerlich. Rachen, Kehlkopf und Luftröhre sind gereizt. Die Schleimhäute sind dunkel gerötet. Manchmal kommt es zu Nasenbluten. Der Husten ist eher trocken, oft mit einem zähen Schleim. Die Augen brennen. Hinzu kann Lichtempfindlichkeit kommen. Starke Abgeschlagenheit. Sie kann noch Wochen nach der Erkrankung andauern.

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