Tumorkiller nach Maß

- Sie sind winzig klein, haben ein perfekt geschneidertes Design und die Nase von Spürhunden. Ihr Name: Anticaline. Werden die Eiweißmoleküle einem Patienten verabreicht, gehen sie in seinem Körper auf Jagd nach Krankheitserregern oder Tumorzellen. Weil sie kleiner und einfacher aufgebaut sind als die Eiweiße, die normalerweise im Körper diese Arbeit tun, "können sie sich leichter einen Weg durch die Zellzwischenräume bahnen und daher besser und schneller wirken", erklärt Professor Arne Skerra. Für die Entwicklung dieser "Anticaline" erhielt der Biochemiker jetzt den mit 30 000 Euro dotierten Karl-Heinz-Beckurts-Preis 2005.

Anticaline machen Antikörpern Konkurrenz

Bisher galten die Antikörper als universelle biochemische Waffen gegen Krankheitserreger jeglicher Art. Auch sie erkennen deren Strukturen und können dagegen vorgehen. Jetzt aber machen ihnen die Anticaline Konkurrenz. Nicht nur, weil sie kleiner sind und so viele Ziele leichter erreichen können. Sondern auch, weil sie preiswerter herzustellen und zudem wegen ihrer einfachen molekularen Architektur vielseitig einsetzbar sind, unter anderem in der Biotechnologie und der biowissenschaftlichen Grundlagenforschung, vor allem aber in der Medizin. Bei Vergiftungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs sollen sie zum Einsatz kommen.

So können Anticaline beim Krebs zum Beispiel Immunzellen stimulieren, "damit diese verstärkt gegen einen Tumor vorgehen", so Skerra. Sie können aber möglicherweise auch Zellen lahmlegen, also die Teilung von Tumorzellen stoppen. Oder aber sie werden mit Giftstoffen gekoppelt und greifen auf diese Weise gezielt die Tumorzellen an, erläutert der Ordinarius für biologische Chemie am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München.

Skerra ist Architekt seiner Proteine. Der Biochemiker schleust die Bauinformationen in Form künstlicher Gene in Bakterienzellen. Diese stellen als biologische Fabriken die maßgeschneiderten Anticaline her. "Je nach Aufbau passen sie zu bestimmten Rezeptoren und entfalten dann eine spezifische biologische Funktion", erläuterte der Biochemiker die Spionagetätigkeit der Anticaline. Sie suchen wie beim Puzzlespiel die Struktur der Zellrezeptoren, also der Andockstellen, zu denen sie passen wie ein Schlüssel zum Schloss, sammeln sich dort und greifen dann an.

Wegen der enormen Entwicklungsmöglichkeiten hat Skerra 2001 eine Biotech-Firma gegründet, die "Pieris Proteolab AG" in Freising, wo die Anticaline bis zur klinischen Zulassung entwickelt werden sollen.

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