Üben an der atmenden Puppe

- Jede Woche verunglückt Hal bis zu 40 mal. Seine Arme sind zerstochen von Infusionsnadeln, auf seiner Brust sind Punkte. Dort setzen die Sanitäter im Schockraum des Klinikums Südhausen den Defibrillator an, um ihn wiederzubeleben. Doch Hals Herz hört nicht von selbst auf zu schlagen.

Über Leben und Tod entscheidet ein Regisseur im Kontrollraum. Drückt er einen Knopf, befiehlt ein Funksignal dem Herzen stillzustehen. Aber meist schaffen es die Ärzte, Hal dennoch zu retten.

Eine Puppe mit Herzfehler und Allergien

Piloten lernen das Fliegen in einem perfekten Simulator. Warum nicht auch Ärzte das Verhalten bei einem Notfall? Das dachten sich Mediziner vom Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität vor sechs Jahren und beschlossen, ein Schulungszentrum aufzubauen. In wenigen Monaten soll es fertig sein.

Auf rund 300 Quadratmetern entsteht im Keller des INM das Human Simulation Center (HSC), eine in ihrem Konzept weltweit einzigartige Übungsklinik für Notfallmediziner. "Gewisse Dinge kann man nicht aus Lehrbüchern, sondern nur am Patienten lernen. Und das sollte nicht gleich ein Ernstfall sein", sagt Institutsvorstand Professor Christian Lackner.

Den Übungsraum tauften sie Klinikum Südhausen. Hal ist der erste Patient. Doch er hat kein Herz aus Fleisch und Blut. Hal ist eine Puppe. Wenn das Klinikum Südhausen in wenigen Monaten fertig ist, sollen Mediziner hier regelmäßig mit Hal üben -­­ stets überwacht von Trainern im Regieraum. Diese bestimmen per Funk, wie es Hal geht. Sie steuern, wie oft er Atem holt, wie schnell sein Herz schlägt, ob seine Pupillen sich verengen. Die Notfallärzte stechen Hal Spritzen in den Arm, beatmen ihn, jagen elektrische Stöße durch seinen Körper, um ihn ins Leben zurückzubringen.

Manchmal sieht das Drehbuch Komplikationen vor. Dann ist Hal zum Beispiel allergisch auf ein Medikament oder hat einen Herzfehler, von dem die Ärzte nichts wissen. "Vor allem Missverständnisse bei der manchmal hektischen Patienten-Übergabe sorgen für Fehler", so Lackner. Deshalb läuft im HSC die ganze Rettungskette ab, vom Sanitäter bis zum Arzt im OP. "Wo verschiedene Teams zusammenwirken, steigt die Fehlerquote", sagt Lackner.

Im Klinikum Südhausen leidet, wenn etwas schiefgeht, derzeit nur Hal. Doch soll er bald sieben Kollegen bekommen. Auch zwei Kinder-Puppen werden unter den Patienten sein. Bis dahin wird Hal vor allem von Medizin-Studenten behandelt. Wenn sie zu ihm kommen, hat er bereits Schreckliches durchgemacht. So liegt er verletzt auf der Straße, nachdem ihn ein Auto angefahren hat. Ein andermal sitzt er zuhause bewusstlos in der Sofaecke. Der Fernseher läuft und seine Ehefrau ruft panisch um Hilfe.

"Je realistischer die Szenen, desto eher geraten die Helfer unter ähnlichen Stress wie in der Realität", sagt Dr. Gordon Hoffmann, medizinischer Bereichsleiter am INM. So wollen die Trainer Probleme finden, die bei Druck entstehen. "So kommen wir dem Notfall am nächsten", sagt die INM-Psychologin Dr. Karin Burghofer.

Die Realitätsnähe dient auch der Forschung. Die Mediziner wollen herausfinden, warum bestimmte menschliche Fehler in bestimmten Momenten entstehen und wie sie im Klinikalltag vermieden werden können. Dafür wird die Stressbelastung der Teilnehmer gemessen.

Die Ärzte sollen dazu die Spiel-Situation möglichst vergessen: Der Unfallraum wird für jeden Auftritt von Hal in ein Bühnenbild verwandelt. Selbst die Breite der Trennstreifen hat das Team für die Straßenszene nachgemessen. Auch außerhalb des Klinikums Südhausen entspricht alles der Realität. Im Zimmer neben dem Schockraum steigen Hals Helfer in einen nachgebauten Krankenwagen oder einen Rettungshubschrauber. Vom Telefon im Operationssaal erreicht man eine fiktive Blutbank. Selbst ein Stromausfall im Krankenhaus wird geprobt.

Bei der OP riecht es nach verbranntem Fleisch

Auch die menschlichen Sinne werden in dem Simulations-Center getäuscht. Gerüche und Geräusche gaukeln Realität vor. So hört der Anästhesist, der bei einer Brust-OP an Hals Kopf steht, die Kommandos der Ärzte, das Klappern der OP-Instrumente und den Sauger. Plötzlich stinkt es bestialisch nach verbranntem Fleisch ­- genauso, wie wenn Ärzte bei einer kleinen Blutung ein Gefäß veröden. Dann vergisst wohl auch der Anästhesist, dass er eine Puppe in Narkose hält. Hal wird zum lebenden Menschen.

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