Überleben im Eis - Chance für Menschen?

- Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Doch sie sind gestorben, jene 60 Frauen und Männer, deren Körper bei der Firma Alcor in Phoenix/Arizona in Tanks mit flüssigem Stickstoff ihre letzte Ruhe gefunden haben, denn nach heutigem Wissensstand können sie nicht reanimiert werden. Mit ihnen eingefroren ist die Hoffnung tausender Menschen auf ein Leben nach dem Auftauen.

<P>Organe und komplette Körper lassen sich noch nicht kältekonservieren und dann wiederbeleben. "Bislang gelingt das nur mit lebenden Zellen und Mikroorganismen", stellt Prof. Günther Fuhr klar. Der Leiter des Fraunhofer Institutes für Biomedizinische Technik (IBMT) im saarländischen Sulzbach muss es wissen. Er gilt als einer der führenden Gefrier-Experten für lebende Materialien. </P><P>Im Umfeld seines Institutes hat er das Zentrum für Kryobiotechnologie und Kryophysik etabliert, das vor wenigen Tagen - unterstützt durch eine Landesförderung über 1,8 Millionen Euro - mit der europäischen Kryoforschungsbank Eurocryo ergänzt wurde. Die dort angewandten Techniken wurden in enger Kooperation verschiedener Fraunhofer-Institute bis hin zum Patent entwickelt und haben die Fraunhofer-Gesellschaft weltweit an die Spitze der Kryoforschung gebracht, wie Präsident Prof. Hans-Jörg Bullinger meint.</P><P>Die Kryoforschung ist zu einem Schlüsselelement der Biowissenschaften geworden. Pharmakologen und Mediziner zielen mit ihren maßgeschneiderten Behandlungsmethoden immer mehr auf die Einzelzelle ab. So sollen eines Tages im Labor scharf gemachte Immunzellen Jagd auf Tumorzellen machen und sie zerstören, und aus Stammzellen entwickelte Organe könnten das Problem des Spenderorganmangels aus der Welt schaffen. </P><P>"So wie es heute zur Routine gehört, vor einer großen Operation eigenes Blut zur Herstellung von Blutersatz zur Verfügung zu stellen, könnten Menschen schon bald Zellproben spenden, die im Bedarfsfall zur Entwicklung individueller Medikamente oder zur Herstellung von Gewebeersatz dienen", sagt Fuhr. Da in jeder Zelle des Menschen dessen kompletter Bauplan steckt, mache es auch Sinn, diesen verfügbar zu halten. </P><P>Computer mit ihren Speichermedien gelangen allerdings rasch an ihre Grenzen. Besser wäre es, so Fuhr, das winzige Original aufzubewahren. Ein Grund dafür, weshalb vor allem in den USA und in Europa sogenannte Kryobanken installiert werden, in denen biologisches Material unter -130 Grad konservierbar ist. Einen anderen Grund liefert die Gentechnologie mit den Erbgut-Veränderungen. "Heute vermag manchmal kaum mehr jemand zu sagen, wie das Ursprungsmaterial vor der Veränderung ausgesehen hat", meint Fuhr. Dauerhafte Proben-Aufbewahrung könne die Forschung sicherer, nachvollziehbarer und nachprüfbarer machen. </P><P>In Kryobanken können auch Zellproben vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen für die Nachwelt aufbewahrt werden. Vorausgesetzt, man bekommt die Materiallagerung und deren Verwaltung in den Griff. Wollte man für die Medizin nur von jedem fünften Bundesbürger ein Zelldepot mit 50 Einzelproben anlegen, wären das bereits 800 Millionen Proben, rechnet Fuhr vor. Würde man dazu gängige, bis zu 10 cm große Plastikröhrchen und -beutel verwenden, bräuchte man rund 100 000 Flüssigstickstoff-Tanks, mehrere Quadratkilometer Lagerfläche und eine Investitionssumme von fünf Milliarden Euro. </P><P>Die Fraunhofer-Forscher haben daher ein neues Lagersystem entwickelt, an dem auch US-Firmen interessiert sind. Auf speziellen Plastikchips lassen sich mehrere Dutzend Proben mit je über einer Million Zellen unterbringen. Mit diesen Probenträgern soll ein Speicherchip eingefroren werden, der alle wesentlichen Materialdaten umfasst und die Probe jederzeit im Tank auffindbar macht. Schon wollen die Wissenschaftler komplette Zelloberflächen künstlich nachbauen. An solchen Modellen soll untersucht werden, wie eine Zelle mit ihren Nachbarn kommuniziert und wie sie auf Substanzen reagiert. </P><P> </P>

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