Unser Körper ist ein Mikroben-Zoo

- Allein kommen wir im Leben nicht zurecht. Ohne Billionen anderer Lebewesen auf und in uns könnten wir nicht bestehen. Jeder Mensch ist ein wandelnder Zoo aus Bakterien und Viren, Pilzen und Parasiten. Das mag eklig klingen, doch nur dank dieser bunten Schar können wir überleben.

<P>"Wenn im Darm keine Pilze und Bakterien lebten, würde unser Immunsystem dahinsiechen", sagt Hans-Jürgen Tietz, Mikrobiologe an der Hautklinik der Berliner Charité´. "Unser Körper braucht die Winzlinge, um sich gegen unerwünschte Eindringlinge zu wappnen und für den Ernstfall gerüstet zu sein. Durch unsere Mitbewohner werden die Abwehrkräfte regelrecht trainiert und stimuliert."</P><P>Sobald krank machende Keime die oberste Zellschicht unseres Darms durchdringen, erkennt sie das Immunsystem als Fremdlinge und bildet Antikörper, um sie zu vernichten. Manche Mikroben schaffen es jedoch, die Waffen des Immunsystems stumpf zu machen und so zu überleben. "Sie maskieren ihre Fremdheitsmerkmale gegenüber der Abwehr dadurch, dass sie zum Beispiel Zucker- oder Eiweißmoleküle anlagern, die auch sonst im Körper vorkommen", erklärt Tietz die Tarnmantel-Taktik der Mikroben, die dann vom Immunsystem toleriert werden - was gut für uns ist. </P><P>Denn ohne Bakterien würden wir nicht einmal Nahrung vertragen. Nur durch das besänftigende Wirken von getarnten Mikroben duldet unsere Körperabwehr im Darm überhaupt Nahrung, die ja durchsetzt ist mit körperfremden Eiweißen und Bakterien.</P><P>Mikroben liefern uns zudem Vitamine, so etwa unseren täglichen Bedarf an zwei Milligramm Vitamin K, das wir für die Blutgerinnung benötigen. Sie verwandeln im Darm schwer verdauliche Zuckermoleküle in kurzkettige Fettsäuren, zerlegen bestimmte Proteine und produzieren einige hilfreiche Gallensäuren.</P><P>Obendrein hemmt der Kontakt mit Bakterien, Viren und Pilzen das Wachstum von Krebszellen. Denn eine durch Infektionen gestählte Körperabwehr kann bösartig wuchernde Zellen eher erkennen und ausschalten. Ein Leben ohne Mikroben wäre also gefährlich für uns, weshalb auch übertriebene Sauberkeit schädlich ist: Wenig nämlich fördert Allergien so sehr wie das Meiden von Körperkontakt oder die zwanghafte Furcht vor Dreck. </P><P>Über achtzig verschiedene Bakterienarten halten sich in der Mundhöhle auf, sie tragen wesentlich zum Mundgeruch bei, den wir beim Aufwachen oft spüren. Im Mund fühlen sich auch die Bakterien verspeisende Amöbe Entamoeba gingivalis, und der zu Unrecht pauschal als Krankmacher verschrieene Hefe-Pilz Candida albicans wohl.</P><P>Auf unserer rund zwei Quadratmeter großen Hautoberfläche tummeln sich so viele Mikroben wie Menschen auf der Erde leben. Bis zu einer Milliarde Bakterien wimmeln in jedem Milliliter Speichel. Ein Gramm Dickdarminhalt bringt es sogar auf eine Billion Bewohner. </P><P>Parasiten regen die Abwehrkräfte an</P><P>Verbotenes Land für Bakterien und andere Winzlinge sind nur die echten inneren Organe, also Leber, Herz, Gebärmutter, Harnblase, Blut und Hirnflüssigkeit. </P><P>1996 haben schwedische und amerikanische Wissenschaftler entdeckt, dass unsere Bakterien mit uns reden. Sie teilen mit Hilfe von Botenstoffen unseren Darmzellen mit, was sie zum Leben brauchen. Die Stoffe verändern den Stoffwechsel von Darmzellen. Die manipulierten Zellen stellen dann fleißig Substanzen her, die den Bakterien als Nahrung dienen - und zwar sowohl den Produzenten des Boten-Moleküls wie weiteren Mikroben.</P><P>In bislang von Bakterien unbesiedelten Säuglingen setzt so eine Besiedlung in regelrechter Abfolge ein - ähnlich wie auf frischem Brachland, auf dem zuerst frostharte, genügsame Gräser und Birken wachsen, von deren Laub und Beschattung später anspruchsvollere Stauden oder Bäume wie Buchen profitieren.</P><P>Das Gleichgewicht zwischen Mikroben und Immunsystem ist sehr sensibel und kann zusammenbrechen - etwa wenn ein von Infektionen geplagter Mensch zu häufig Antibiotika einnimmt. Umsichtige Ärzte verschreiben sie längst zurückhaltend, weil Bakterien immer widerstandsfähiger dagegen werden. Obendrein hemmen oder vernichten die keimtötenden Wirkstoffe neben den krank machenden auch die nützlichen Bakterien der Darmflora, wodurch die Verdauung aus dem Tritt geraten kann. Auch können Antibiotika der Hautflora so zusetzen, dass Hefepilze leichtes Spiel haben. Darum empfehlen manche Ärzte, bei einer Antibiotikabehandlung viel Joghurt mit Milchsäurebakterien zu essen, um die Verdauung zu verbessern.</P><P>Selbst wenig appetitliche Parasiten haben ihr Gutes, wie Studien zeigen. Denn so genannte Auto-Immunkrankheiten wie Allergien oder Morbus Crohn (ein chronisch-entzündliches Darmleiden) haben auch deshalb zugenommen, weil durch ausgefeilte Hygiene-Bestimmungen der Kontakt mit Parasiten ausbleibt. Ein Parasit kann sich im menschlichen Körper nicht fortpflanzen, ruft als Fremdling aber die Immunabwehr auf den Plan. Morbus-Crohn-Kranke werden in den USA in einer vielversprechenden Studie mit einem Fadenwurm behandelt, damit der ihre Abwehrkräfte anspornt.</P><P>Buchtipp:<BR>Unsichtbare Welten, von France Bourely, Gerstenberg Verlag, Hildesheim; 49,90 </P><P> </P>

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