Unsere kleinsten Verwandten

- Wer die nachtaktiven Halbaffen Madagaskars beobachten will, muss in den dunklen Wald und stundenlang enge Trampelpfade durchlaufen, bis irgendwann zwei Augen im Schein der Stirnlampe aufblitzen.

<P>Das 60 Gramm leichte Tierchen, ein Mausmaki, hängt allein im Baum. Nach einigen Monaten nächtlicher Pirsch wird mancher Forscher vermuten, dass Mausmakis solitär leben, und kein nennenswertes Sozialverhalten zeigen.</P><P>Wie man sich täuschen kann! In Wirklichkeit leben die Tierchen, die zu den kleinsten Äffchen der Welt gehören, in einem sozialen Netzwerk, das aus mehreren erwachsenen Männchen und Weibchen besteht. Den Tag verschlafen sie zusammengekuschelt in versteckten Baumhöhlen oder Blätternestern. Nur nachts sind sie allein auf Nahrungssuche.</P><P>Erst mit modernster Technik war es möglich, mehr über das Leben der mauskleinen Säuger herauszufinden, die zu den Lemuren gehören und die unterschiedlichsten Lebensräume auf der Insel Madagaskar bewohnen. </P><P>In der Forststation Ampijoroa im Nordwesten der Insel hat die Arbeitsgruppe um Prof. Elke Zimmermann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover ihr Lager aufgeschlagen. Die meisten Mausmakis der umliegenden Trockenwälder sind inzwischen erkennungsdienstlich erfasst. Ein kleiner, unter das Nackenfell gespritzter Mikrochip verrät den Biologen, welcher der Affenzwerge in der Falle sitzt. Ausgesuchte Exemplare tragen einen 2,5 Gramm schweren Halsbandsender. Datenschützer wären empört: Die kleinen Nachtschwärmer haben keinerlei Intimsphäre mehr. </P><P>Für Schlangen, Eulen und Schleichkatzen sind die Mausmakis eine leichte Beute. Deshalb streifen sie nachts alleine umher. Da kleine Tiere im Verhältnis zu ihrem Volumen relativ viel Wärme verlieren, dürfen die nächtlichen Kobolde nicht wählerisch mit der Energiezufuhr sein: Mausmakis ernähren sich von Früchten, Blüten, Flechten und Blättern, Fröschen, Eidechsen, Spinnen, Käfern und Baumsäften.</P><P>Dank ihrer Anpassungsfähigkeit und der Tatsache, dass sie für den Kochtopf zu klein sind, sind die Tierchen auf Madagaskar noch relativ häufig.</P><P>Starre-Zustand zum<BR>Schutz vor Verhungern</P><P>Doch in der Trockenzeit reicht die Nahrung oft nicht aus. Dann fahren sie ihren Stoffwechsel herunten und verfallen in einen Starre-Zustand, Topor genannt. Der kann mehrere Tage andauern oder als kurzfristige tägliche Starre ausgeprägt sein. <BR>Andrea Weidt hat die Weibchen des seltenen goldbraunen Mausmaki (Microcebus ravelobensis) beobachtet, der erst 1994 als neue Art entdeckt worden ist. </P><P>Eine Studie zur Ökologie und Sozialbiologie sollte klären, ob es Unterschiede zwischen dem Verhalten der goldbraunen und der grauen Mausmakis gibt, dessen Verbreitungsgebiet sich fast über den ganzen Westteil der Insel erstreckt. <BR>Bei Kerzenlicht duschen, während überall die Schaben herumkrabbeln, das gehört zum Forschungsalltag. "Wer Primaten beobachten will, sollte sich darauf einstellen."</P><P>Zuerst musste sie das rasterförmige Wegenetz im fünf Hektar großen Untersuchungsgebiet vorbereiten. Das war Handarbeit mit der Machete. Die Pfade laufen parallel im Abstand von 25 Metern, jeder Kreuzungspunkt ist markiert. Einmal im Monat stellte sie an den Kreuzungen 91 Aluminiumfallen auf, die mit einer Bananenscheibe beködert waren. Dieser Versuchung konnten die Mausmakis nicht wiederstehen.</P><P>Der Fang wurde ins drei Kilometer entfernte Camp gebracht, markiert, vermessen und bei Bedarf besendert. Immerwieder zog die Biologin mit der Empfangsantenne durch den Wald, um die Positionen der Senderweibchen zu bestimmen. "Drei unserer Beobachtungstiere wurden von Greifvögeln weggefressen", berichtet sie. </P><P>Den Tag verbringen graue Mausmakis oft in gut isolierten Baumhöhlen. Ihre erwachsenen Männchen schlafen alleine oder zusammen mit männlichen Artgenossen. </P><P>Anders bei den goldbraunen Verwandten. Weil geeignete Schutzhöhlen fehlen, müssen sie mit zugigen Blätternestern vorlieb nehmen und sich gegenseitig wärmen. Andrea Weidt fand heraus, dass erwachsene Weibchen meist in gemischtgeschlechtlichen Gruppen schlafen, die über längere Phasen und selbst während der Paarungszeit konstant bleiben. </P><P>Alle Mausmaki-Arten leben in einem Mehr-Männchen-Mehr-Weibchen-System, d.h. mehrere Männchen und Weibchen bilden einen lockeren Sozialverband und paaren sich untereinander. </P><P>Ob beim goldbraunen Mausmaki mit seinen gemischtgeschlechtlichen Schlafgruppen mehr als nur Höhlenmangel dahinter steckt, wird nun untersucht.</P><P>Vielleicht können die Männchen ihre Rivalen auf so leichter vom Sex abhalten. Doch welchen Nutzen haben die Weibchen vom Gruppensex? Die Forschungen gehen weiter.<BR>Goldbrauner Mausmaki: das Tierchen trägt einen Sender.<BR></P><P>Lexikon aktuell<BR>Lemuren<BR>Die nicht-menschlichen Primaten (Halbaffen, Affen, Menschenaffen) sind die nächsten Verwandten des Menschen. Alle auf Madagaskar lebenden Primaten sind Lemuren, eine ursprüngliche Primatengruppe, die heute durch die Zerstörung ihres Lebensraums von der Ausrottung bedroht ist. Die kleinsten, die Mausmakis, bewohnen die dichte Gebüsch- und Strauchregion der madagassischen Waldgebiete und ernähren sich vielseitig von Insekten, Früchten und kleineren Wirbeltieren. <BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zukunftsforscher Opaschowski ruft zu „digitaler Diät“ auf
Weder ein Like noch ein Dislike, sondern ein Boykott der sozialen Medien. Das fordert der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski und appelliert an die Jugend: …
Zukunftsforscher Opaschowski ruft zu „digitaler Diät“ auf
Apple verschiebt Marktstart seines smarten Lautsprechers
Der HomePod kommt doch nicht mehr im Jahr 2017 auf den Markt. Apple teilte am Freitag mit, man benötige „ein wenig mehr Zeit“.
Apple verschiebt Marktstart seines smarten Lautsprechers
„I bims“ zum „Jugendwort des Jahres“ gekürt: Was bedeutet dieser Begriff, bitte?
Den Begriff „I bims“ liest und hört man immer öfter. Erst recht, nachdem er zum „Jugendwort des Jahres 2017“ gekürt wurde. Was ist das für ein Ausdruck? Wir erklären die …
„I bims“ zum „Jugendwort des Jahres“ gekürt: Was bedeutet dieser Begriff, bitte?
Bei Whatsapp kursiert falsches H&M-Gewinnspiel
Achrung, WhatsApp-Nutzer: Die Modekette H&M warnt vor einem betrügerischen Kettenbrief, der derzeit in dem Messenger verschickt wird.
Bei Whatsapp kursiert falsches H&M-Gewinnspiel

Kommentare