Unsinniger Kampf gegen Bakterien

- Speziell beschichtete Toiletten, Klobrillen oder Armaturen: Gut ist, was das Prädikat "antibakteriell" trägt. Das wollen zumindest Werbestrategen dem Verbraucher vermitteln. Türklinke und Lichtschalter sind für sie "sensible Kontaktflächen", auf denen sich Krankheitserreger und Keime nahezu unkontrolliert vermehren. Haushaltsreiniger, Unterwäsche, Fußbodenbelag, Telefon, Zahnpasta und Chipkarte müssen deshalb so beschaffen sein, dass sie die gefährlichen Invasoren selbständig vernichten. Gestandene Hygiene-Fachleute betrachten diese Entwicklung dagegen mit Sorge.

<P>So mahnt beispielsweise der Direktor des Freiburger Institutes für Umweltmedizin, Professor Franz Daschner: "Kinder, die keimfrei aufgezogen werden, haben später häufiger Infektionen." Werbekampagnen für antibakterielle Textilien etwa bezeichnet Daschner schlicht als "gezielte Volksverdummung".<BR><BR>"Kein einziger Hersteller von antibakteriellen Produkten konnte bisher nachweisen, dass sein Produkt Infektionen verhütet", kritisiert Daschner, während sein Mitarbeiter, der Biologe Armin Schuster, vor der allergisierenden Wirkung und dem unvollständigen Abbau der verwendeten Stoffe wie Triclosan warnt.<BR><BR>"Es wäre kontraproduktiv, wenn künftig alle Kunststoffe antibakteriell aufgerüstet würden. Das macht nur da Sinn, wo es wirklich gebraucht wird", schränkt auch der Saarbrücker Professor für physikalische Chemie, Rolf Hempelmann, ein.</P><P>Das ist vor allem in der Medizin der Fall. Blutkonservenbeutel, Schläuche und Katheter können zu Sammelstellen für Mikroorganismen werden und das Infektionsrisiko erhöhen. Auch Herzklappen, Gelenk- und Zahnersatz müssen so beschaffen sein, dass sie eine Keimbesiedlung unmöglich machen. "Wenn die Funktion eines Organs gestört ist, sind Implantate ein Segen. Die Infektion solcher Implantate aber, die manchmal erst Jahre später zum Ausbruch kommt, ist in vielen Fällen eine Katastrophe, da eine Heilung durch Antibiotika bei gleichzeitigem Erhalt des Implantats oft nicht möglich ist", sagt Professor Mathias Herrmann, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum des Saarlandes. <BR><BR>Forscher wie Hempelmann suchen deswegen nach Möglichkeiten, keimtötende Substanzen direkt in den Kunststoff hineinzubringen, da beispielsweise eine Innenbeschichtung von Kathetern technisch nur schwer zu bewältigen ist. Während in diesem Fall antibakterielle Werkstoffe sinnvoll sind, schadet im Alltag der Kampf gegen Keime oft mehr, wie Daschner betont: "Oft sind die Keime sogar unsere Freunde und schützen uns vor Infektionen."<BR><BR>Lexikon aktuell: Bakterizide<BR><BR>Stoffe, die die einzelligen Bakterien abtöten oder deren Vermehrung hemmen. Laut dem Berliner Robert-Koch-Institut ist der Einsatz von antibakteriellen Desinfektionsmitteln im Haushalt völlig überflüssig. Es bestehe sogar die Gefahr, dass Bakterizide die Wirksamkeit von Antibiotika negativ beeinflussen.<BR></P>

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