Unterricht im Eltern-Sein

- Wenn es nach dem Münchner Bindungsforscher Karl Heinz Brisch geht, absolvieren werdende Mütter und Väter künftig erst eine Elternschule, bevor sie ein Kind bekommen. "Mit einem Welpen geht man doch auch in die Hundeschule und ein Auto fährt man auch nicht ohne Führerschein", sagt der Leiter der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der LMU München provokant. Doch bis alle werdenden Eltern in die Schule gehen, ist es noch ein weiter Weg. Das Elternprojekt "Safe-Sichere Ausbildung für Eltern" hat bislang noch Modell-Charakter und ist deutschlandweit einzigartig.

Bei "Safe" gibt es keine Zeugnisse und man bekommt auch keine "sehr gut"-Bewertungen. Das Ergebnis ist vielmehr ein zufriedenes Baby, das sich zu einem sozial kompetenten und feinfühligen Menschen entwickelt.

Fast alle Eltern müssen feststellen, dass "so ein Baby dich an deine Grenzen bringt". Das muss der Psychotherapeut bei seiner täglichen Arbeit in der Haunerschen Kinderklinik erleben: "Da sind immer wieder Eltern, die gerade ihr Kind misshandelt haben." Dabei sind das "ganz normale, nette Leute". Dass sich Eltern überfordert fühlen, komme in allen sozialen Schichten vor, sagt Brisch.

Dabei haben junge Eltern hohe Erwartungen an sich, Brisch spricht von "Glücksphantasien", verbunden mit dem Wunsch, nur das Beste für das Kind zu wollen". Doch durchwachte Nächte, unaufgeräumte Wohnungen und eine neue Rollenaufteilung lassen die Situation nicht selten entgleisen. Selbst sonst wenig aggressive Menschen hätten dann ihr Kind schon durchgeschüttelt und ihm so schwere Schäden zugefügt.

Nach der Geburt brechen häufig alte Wunden auf

Brisch erklärt: "Die Mutter kann das nicht steuern, agiert fremdgesteuert. Als ob ein Film in ihr abliefe." Sie befinde sich eigentlich im Kampf mit jemand anderen - denn mit der Geburt des Kindes kämen häufig nicht verarbeitete Kindheitserlebnisse hoch. Brisch: "Das kann von emotionaler Enttäuschung bis zu sexuellem Missbrauch gehen." Doch selbst wenn Eltern solche Extremsituationen nicht durchlebt haben, könne es unbekannte Wunden geben.

Damit es erst gar nicht zu Krisen kommt, hat Brisch "Safe" ins Leben gerufen. Das Elternprojekt soll vorbeugend wirken - deshalb finden die ersten vier Sitzungen bereits in der Schwangerschaft statt. Ist der Nachwuchs erst mal da, stehen ganz praktische Dinge wie Füttern, Schlafenlegen und Verwöhnen auf dem Plan. Mit einer Video-Kamera werden die Alltagssituationen festgehalten und später in der Gruppe analysiert. Denn erstens nehme man bei anderen Fehler leichter wahr, zweitens "ist es beruhigend zu sehen, dass auch andere Paare Probleme mit ihrem Kind haben", sagt Brisch. So könnte beispielsweise ein mangelhafter Blickkontakt zwischen Mutter und Kind eine gestörte Beziehung andeuten. Eine Hotline zu Brisch und seinem Team ist außerhalb der Gruppensitzungen geschaltet, bei der verzweifelte Eltern jederzeit Rat bekommen.

Eltern sein" kann man lernen, sagt Brisch, selbst Vater von drei Kindern. Mit dem Ergebnis, dem Kind ein gutes Fundament für die Zukunft mitzugeben. Brisch verspricht: "Safe-Kinder können besser Beziehungen eingehen, haben mehr Kreativität und können Probleme besser bewältigen."

"Safe - Sichere Ausbildung für Eltern": Für das Modellprojekt werden noch Mütter (bis zur 25. Schwangerschaftswoche) und Väter gesucht.

Safe umfasst zehn Seminarsonntage (jeweils 10 bis 17 Uhr) - vier vor und sechs nach der Geburt. Die Kosten für den gesamten Seminarblock belaufen sich auf 50 Euro pro Paar, Einzelpersonen zahlen 25 Euro.

Beginn der nächsten Gruppe ist am Sonntag, 12. März, im Kitz "Kinderglobus", Langbürgenerstraße 11. Anmeldung ab sofort bei Lisa Speer unter Telefon 089/ 51 60 46 99.

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