Die Unterwelt der Schwammerl

- Reinhard Agerer kämpft für die Anerkennung eines verborgenen Reichs. Sein Regiment führt es im Untergrund: Es wuchert in welkem Laub, nistet in feuchtem Gemäuer und webt im Waldboden Gespinste. Doch in der Natur hat es eine bedeutende Stellung.

Lange glaubte man, Pilze seien eine seltsame Spielart der Pflanzen. "Sie bilden jedoch ein eigenes Organismenreich, gleichberechtigt neben Tieren und Pflanzen", sagt Agerer, der an der Ludwig-Maximilians-Universität Mykologie, die Wissenschaft von den Pilzen, lehrt. Neben der Flora und der Fauna sollte also die Funga stehen, doziert der grauhaarige Biologie-Professor. "Ein vernachlässigtes Gebiet", seufzt er. Selbst Biologen bliebe es oft verschlossen, im Schulunterricht fiele es meist ganz unter den Tisch.

Der Pilz steht den Tieren näher als den Pflanzen

"Völlig zu Unrecht", meint Agerer, der sich auch als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mykologie engagiert. Denn die Welt der Pilze ist reich, schillernd und auch für den Menschen unverzichtbar. Etwa 80 000 Arten kennt die Forschung heute. Insgesamt könnten es 1,5 Millionen sein, "nach begründeten Schätzungen", sagt Agerer.

Nur wenige sind für das menschliche Auge sichtbar. Selbst unsere bekannten Waldpilze wie Pfifferling und der Maronenröhrling führen ein unterirdisches Dasein. Der eigentliche Pilz, das Myzel, wächst als feines Gespinst im Boden. Nur eine kurze Zeit im Jahr verdichten sich die Hyphen, die fadenartigen Zellen der Pilze, zu den Fruchtkörpern, den Schwammerln.

Für die Entdeckungsreise ins Reich der Pilze braucht Agerer Hilfsmittel. In seinem Arbeitszimmer am Botanischen Garten, in dem sich Schachteln mit getrockneten Pilzen stapeln, stehen mehrere Mikroskope. Mit ihrer Hilfe kann man überraschende Entdeckungen machen: "Die Pilze stehen den Tieren näher als den Pflanzen", sagt Agerer. So haben manche Arten begeißelte Sporen: Zellen mit einem beweglichen Schwänzchen, wie die menschlichen Samenzellen, sind für die Fortpflanzung zuständig. Insgesamt ist das Liebes-Leben der Pilze recht verwirrend: Manche treiben es mit sich selbst, bei anderen gesellen sich gleich vier Geschlechter zueinander.

Das verborgene Reich ist indes nicht nur ein kurioses Forschungsgebiet. Überall greifen Pilze in unser Leben ein. Schon seit Urzeiten. "Die ersten Pflanzen hätten das Land nicht so schnell erobern können", sagt Agerer. Zu wenig Wasser, Nähr- und Mineralstoffe seien das Problem gewesen. Doch Pilze machten diese mit ihren besonderen Fähigkeiten verfügbar.

Seit die Lebewesen aus dem Meer gestiegen sind, existiert daher eine enge Verbindung zwischen Pflanzen und Pilzen. Noch heute haben 80 Prozent der Pflanzen einen Pilz-Partner. Auch unsere Waldbäume gehen eine unterirdische Ehe ein. Mykorrhiza - von altgriechisch mykos (Pilz) und rhiza (Wurzel) - nennen sie die Experten. "Würde man die Pilze entfernen, der Wald wäre in drei Tagen tot", sagt Agerer, dessen Hauptforschungsgebiet die Mykorrhiza-Pilze sind. Unsere bekanntesten Arten wie der Steinpilz gehören dazu.

Ihre Hyphen umspinnen die Baumwurzeln und liefern ihnen Mineralstoffe und Wasser. Der Baum revanchiert sich mit Zucker. Geht es dem einen schlecht, leidet auch der andere. Zum Beispiel beim Waldsterben, das heute unter Experten "neuartige Waldschäden" heißt. Nach neuesten Erkenntnissen ist es nicht der Wald, der zuerst kränkelt. Zu viel Stickstoff ist offenbar die Ursache dafür, dass viele Pilze verschwinden.

Doch das Reich der Pilze birgt noch viele andere Geheimnisse, wie Wirkstoffe für Arzneien oder neue Pflanzenschutzmittel. Agerer war dabei, als Forscher vor wenigen Jahren ein hoch wirksames Fungizid, ein Schutzmittel vor Pilzbefall, in dem unscheinbaren Kiefernzapfenrübling entdeckten. Um von seinem Zapfen andere Pilze zu verscheuchen, hat der unscheinbare Schwammerl den Stoff entwickelt. Heute verdient ein Unternehmen Milliarden damit.

"Eine systematische Erforschung der Pilze würde noch viele Erkenntnisse liefern", sagt Agerer überzeugt. Und nicht nur das: "Sie würde dem Pilz die Rolle zuweisen, die ihm von Natur aus zusteht."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kompaktkamera mit Spiegelreflex-Sensor und Festbrennweite
Fujifilm will eine neue Kompaktkamera auf den Markt bringt. Sie heißt XF10 und zeichnet sich durch einen großen Sensor aus. Das Modell weist aber auch noch eine andere …
Kompaktkamera mit Spiegelreflex-Sensor und Festbrennweite
Mit Sprachassistenten arbeitet jeder fünfte Internetnutzer
Sprachassistenten erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit. Mittlerweile nutzt jeder fünfte Verbraucher einen solchen Helfer. Die Übrigen stehen den digitalen …
Mit Sprachassistenten arbeitet jeder fünfte Internetnutzer
Top Apps: Fotos bearbeiten im iPhone und iPad
Die App-Charts dieser Woche stehen im Zeichen der Bildbearbeitung: Das Programm "Affinity Photo" von Serif Labs landete auf Platz 4 der meistgekauften iPad-Apps. Eine …
Top Apps: Fotos bearbeiten im iPhone und iPad
iOS-Game-Charts: Gekonnt springen oder Bälle schießen
Der All-time Klassiker "Doodle Jump" begeistert noch immer. Mit Doodle begeben sich die iOS-Nutzer in eine bunte und temporeiche Spielewelt voller Sprünge und Rennen. …
iOS-Game-Charts: Gekonnt springen oder Bälle schießen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.