Der Urbayer ist ein Brite

- "Hauptsach' es is koa Preiß", sagt Anthony Rowley lachend. Der Engländer greift gerne zu diesem Scherz, wenn ihn die Augen eines bayerischen Muttersprachlers anstaunen. Das nämlich passiert regelmäßig, wenn der Wissenschaftler von seinem Beruf erzählt. Seit 19 Jahren leitet der 53-Jährige an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften das Bayerische Wörterbuch.

Der erste Band von "A bis Bazi" ist 2002 erschienen. Derzeit erschließt der gebürtige Brite die Bedeutungsvielfalt des Wortes "Blattl".

Rowley blättert in einem grünen Pappkasten mit Hunderten von Zetteln. "Der hat ein Blattl zvui" steht da in deutscher Schrift. "Dem san zwoi Blattl zampickt" auf einem anderen. Die etwa vier Millionen Zettel stammen aus mehreren Sammelaktionen des vergangenen Jahrhunderts. Rowley und seine muttersprachlichen Mitarbeiter ergänzen sie durch Quellen aus Mundartdichtung und Zeitungen. "Unser erstes Zeugnis für das Getränk ,Radler‘ stammt aus dem Münchner Merkur", erzählt er. Zudem verschickt die Kommission Fragebögen an etwa 500 Mundart-Kundige in Bayern, alte Bäuerinnen, Heimatpfleger, Pfarrer, Studenten, die ihre Großmütter ausfragen.

Die Arbeit am Wörterbuch begann 1912 in Wien

Der bärtige Mann mit den lebhaften Augen sitzt in einem Wollpulli hinter seinem Schreibtisch und erzählt begeistert von der Geschichte des Wörterbuchs. Hin und wieder färbt ein bairisches Wort das Hochdeutsch des Briten. "Z‘erst" sei da der Germanist Johann Schmeller gewesen. Im Auftrag von König Ludwig I. gab er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Bairisch-Wörterbuch heraus. 1912 begann dann die Akademie in Wien die Arbeit an einem bairisch-österreichischen Wörterbuch. Seit 1959 ist die Münchner Mundartkommission ein eigenständiges Unternehmen mit vier Redaktoren.

Dass er als Engländer zum Chef eines tief heimatverbundenen Projekts berufen wurde, findet Rowley nicht weiter ungewöhnlich. "Bücher über Dialekte stammen oft von Auslandsgermanisten", erklärt er. "Oaner" fällt ihm auch gleich ein: Viktor Schirmunski und dessen "Deutsche Mundartkunde".

Zum Bairischen führte den Engländer seine generelle Leidenschaft für Dialekte. Er studierte Deutsch, schrieb seine Doktorarbeit über das Zimbrische, einen deutschen Dialekt, der in den Bergen Oberitaliens sein letztes Refugium hat. 1988 beauftragte die Akademie den jungen Professor mit der Herausgabe des Wörterbuchs.

Seitdem hat Rowley das Bairische lieben gelernt. Ein Gespräch mit einem Bauern aus Niederbayern ­ das wäre für den Mann aus Skipton in North Yorkshire heute kein Problem mehr. Und natürlich weiß er als Wissenschaftler auch exakt zu benennen, was zum Beispiel das Mittel- vom Südbairischen trennt: "Typisch für die Münchner Gegend ist die l-Vokalisierung", belehrt er. Aus dem Konsonanten "l" wird demnach ein Vokal wie in "Vui zvui Gfui."

Für erforschenswert hält Rowley den Dialekt zudem, weil er von der Kulturgeschichte erzählt. So weisen die alten Worte "Irda" und "Pfindsda" für "Dienstag" und "Donnerstag" auf gotische Einflüsse. In Lehnwörtern wie "Zamperl" oder "Gschpusi" erkennt man den engen Kontakt zu Italien.

Und nicht zuletzt bewahrt das Lexikon eine Sprache, deren farbige Vielfalt im Sterben liegt. Denn der Wortschatz des Bairischen schwindet. Längst sagen viele Bayern "Pferdl" statt "Ross", "Hemad" statt Pfoad". Bis das Wörterbuch seine Arbeit beendet hat ­ vorsichtigen Schätzungen zufolge um das Jahr 2060 ­ ,wird es viele Wörter wohl nur noch im Zettelarchiv der Bayerischen Akademie geben.

Das Bayerische Wörterbuch sucht Dialekt-Kundige, die ihm bei der Arbeit helfen.

Telefon: 089 \ 23 03 11 78, E-Mail: bwb@lrz.badw-muenchen.de

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