Die vergessene Todesgefahr

- Gauting - Zwanzig Stufen. Andreas Hufnagel, 35 Jahre alt, passionierter Fußballer und Bergsteiger, keucht als wäre er 80. Seit Monaten hustet der Industriefachwirt aus Altötting, kämpft jeden Morgen eine halbe Stunde mit seinen Lungen. Doch so miserabel wie jetzt, auf der U-Bahn-Treppe im Kurzurlaub in Wien, ging es ihm noch nie.

<P>Wien, das war vor einigen Wochen. Heute lebt Andreas in einem Krankenzimmer in der Lungenfachklinik Gauting, Isolierstation für Tuberkulose-Kranke. Jeden Morgen schluckt er Pillen. Verlässt er sein Zimmer, bindet er sich einen Mundschutz um. Schwarz-gelbe Warndreiecke begrenzen seinen Lebensraum. "Vorsicht Ansteckungsgefahr" steht darauf. Denn mit jedem Husten, sogar jedem Atmen, gelangen Tausende hochinfektiöse Bakterien aus Andreas' Lunge in die Luft. Und das schon seit einem Viertel Jahr.<BR><BR>Knapp die Hälfte der verschleppten Tbc-Fälle geht zu Lasten der Ärzte</P><P>Andreas Geschichte ist kein Einzelfall in Deutschland. Bei mehr als einem Fünftel der Erkrankten dauert es vom Ausbruch der Tuberkulose, kurz Tbc genannt, bis zur Diagnose vier Monate und länger. Knapp die Hälfte der verschleppten Fälle geht zu Lasten der Ärzte. Sie erkennen die Symptome nicht, weil sie denen einer Grippe oder Bronchitis ähneln. "Es denkt aber auch einfach keiner mehr an Tbc", sagt Pneumologe Heiner Bergstermann, der seit 27 Jahren in der Gautinger Tuberkulose-Abteilung arbeitet. Die Menschheitsseuche, die man Anfang des vergangenen Jahrhunderts, als quasi jeder 30-jährige Deutsche den Erreger in sich trug, Schwindsucht oder Auszehrung nannte, ist hierzulande fast vergessen.<BR><BR>Auch bei Andreas, gebräunt und sportlich, dachte niemand an Tbc. Obwohl die Symptome vor Monaten charakteristisch waren. Nachtschweiß, Fieberattacken. Und der Husten mit dem eitrigen Auswurf. Wenn Andreas jetzt mit seinem Mundschutz das Krankenzimmer verlässt, um im Park zu atmen, denkt er an seine Besuche beim Arzt. Ist die Seltenheit von Tbc Begründung genug, dass ihn sein Hausarzt nicht einmal untersuchte? Dass ihm ein zweiter Arzt nur ein zweites Antibiotikum verordnete? Dass ihm ein HNO-Arzt Salzwasser gegen den geröteten Hals verordnete? <BR><BR>Pneumologe Bergstermann zuckt mit den Schultern. Unter den rund 300 Patienten, die jährlich auf seiner Station landen, sieht er Fälle wie den von Andreas immer wieder. Für manche bedeutet die Verschleppung den Tod. "Tbc wird bagatellisiert", sagt Bergstermann. Zwar seien die Neuerkrankungen seit den 1920er-Jahren stetig gesunken. Doch selbst die Einführung der hochwirksamen Chemotherapie in den 40ern hat Tuberkulose keineswegs ausgerottet. Mit drei Millionen Toten pro Jahr ist sie weltweit die tödlichste Infektionskrankheit, die man behandeln kann. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist infiziert. Etwa fünf Prozent werden erkranken. <BR><BR>In Deutschland, wo heute im Schnitt jährlich zehn von 100 000 Menschen neu erkranken, machen HIV und Migration Tbc wieder zu einer wachsenden Gefahr. Vor allem Litauen, Estland und Lettland, sowie die Länder der ehemaligen Sowjetunion hat die Weltgesundheitsorganisation zu Tbc-Brennpunkten erklärt. <BR>Große Sorgen macht den Medizinern eine weitere Gefahr aus dem Osten: die steigende Zahl multiresistenter Erreger, die gegen alle gängigen Medikamente immun sind. Die Behandlung ist teuer und langwierig. Ihr Ausgang ungewiss. "Vor der zweiten Flasche Hustensaft zum Röntgen" sollte deshalb laut Bergstermann der Grundsatz jedes Arztes sein. Doch gerade die Röntgenaufnahme, die in den meisten Fällen eine Diagnose der Tbc ermöglicht, gelte bei den Patienten als "Ausgeburt des Teufels". Wieder zuckt der Mediziner mit den Schultern.<BR><BR>Andreas wurde von einem Lungenarzt zum ersten Mal geröntgt, der vierte Arzt, den er aufsuchte. Das Bild seiner Lunge war für Andreas ein Schock. Am oberen rechten Lungenflügel sah er ein schwarzes Loch, so groß wie ein Hühnerei. Dort war die eitrige Flüssigkeit, in der sich Milliarden von Bakterien tummeln, ausgelaufen. Eine sofortige Einlieferung in eine Quarantäne-Station war unumgänglich. "In meinem Kopf war es leer, alles weg", erinnert sich Andreas. Denn eines wusste er: Der Weg aus der Tuberkulose ist lang. Vor 14 Jahren hatte er selbst einen Tbc-kranken Freund in Gauting eingeliefert. "Der war Monate weg."<BR><BR>Auf seinen Spaziergängen im Park muss Andreas auch an diesen Freund denken. Zum Beispiel bei der Frage, wo er sich angesteckt hat. Auf dem Kurztrip nach Prag oder im Kino in Altötting? Oder vielleicht doch vor 14 Jahren, obwohl der Tuberkulose-Test negativ war? "Das ist sehr wahrscheinlich", bestätigt Bergstermann. Ein Test sei nur aussagekräftig, wenn er nach acht Wochen wiederholt wird. Und 15 Jahre ist nach Erfahrung des Spezialisten eine häufige Latenzzeit bei Tbc. Nach der Erstinfektion verkapselt sich in den meisten Fällen der Entzündungsherd. Doch Mycobacterium tuberkulosis ist tückisch. Es befällt die Fresszellen, die es vernichten sollen, und wartet dort Jahre, selbst Jahrzehnte. Solange, bis das Alter, eine Krankheit, eine vorübergehende Immunschwäche, seine Chancen verbessern. Dann entsteht ein neuer Entzündungsherd. Manchmal wandert die Tbc auch in andere Organe, die Niere, die Knochen, das Gehirn. Unbehandelt siechen die Kranken oft dahin. In der Dritten Welt und in östlichen Ländern kein seltenes Schicksal.<BR><BR>Warum die Bakterien in Andreas' Lunge gerade im vergangenen Winter wieder rege wurden, ist ihm ein Rätsel. Aber da ist er Fatalist. Anders ist es mit den Menschen, die er angesteckt haben könnte. Seine Freundin, die zwanzig Kollegen auf seiner Abteilung, die Jungs aus der Spielvereinigung Mühldorf. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll." Alle, die er auf seiner Liste nennt, werden Post vom Gesundheitsamt erhalten. Auf sie wartet ein Tbc-Test. Nach Schätzungen von Bergstermann könnte dieser durchaus zehn bis fünfzehn Mal positiv sein.<BR><BR>Andreas wird wieder auf Berge klettern und Fußball spielen</P><P>Für Andreas hat Bergstermann eine günstige Prognose - wenn keine Komplikationen auftreten. Nach sechs Wochen wird er voraussichtlich ohne Mundschutz sein Zimmer verlassen können. Nach zwei bis drei Monaten seine Medikamente zu Hause einnehmen, weitere sechs Monate lang. Das Loch in seiner Lunge wird schrumpfen, er wird wieder Fußball spielen und auf Berge klettern. Auch Andreas macht sich keine Sorgen. "Ich bin ein zäher Teufel", sagt er. Mit der Stoppuhr in der Hand macht er täglich seine Runde um die Klinik. Der Atem geht jedes Mal ruhiger. Nur das Treppen-Steigen nehmen ihm seine Lungen noch übel. "Aber das kommt schon wieder", sagt er und drückt den Knopf des Aufzugs, 2. Stock, Isolierstation.<BR><BR></P><P> </P>

Auch interessant

Kommentare