Ein vergessenes Zentrum der römischen Macht

- Motorenlärm durchbricht die Stille über den Ruinen des Prätoriums der antiken Stadt Gortyn auf Kreta. Die Mittagshitze auf der Messara-Hochebene ist etwas abgeklungen. Ein Bagger hat damit begonnen, die obersten Schichten des Bodens zwischen den Olivenbäumen abzutragen. Staub wirbelt auf. Dazwischen gibt Enrico Zanini, ein kräftiger, sonnengebräunter Mann, Anweisungen, wo der Fahrer die Erde abtragen soll.

Die Mitarbeiter des Archäologen sind sehr vorsichtig, wenn sie den Bagger einsetzen. Fast unter jedem Quadratmeter Boden finden wir Überreste der Menschen, die hier über Jahrtausende gelebt haben", sagt Zanini. Im Prätorium, der römischen Palastanlage, hat das Archäologenteam der Universität Siena eine Grabungserlaubnis. Hier befand sich einst das Machtzentrum der römischen Provinz Kreta. Während in Knossos, der berühmtesten minoischen Ausgrabungsstätte auf der Insel, die Touristenmassen durchgeschleust werden, ist man auf der Messara-Hochebene, rund 40 Kilometer südlich von der Hauptstadt Heraklion, alleine mit den Forschern, für die es hier mehr als genug zu graben gibt.

Bis heute ist nur ein sehr kleiner Teil von Gortyn freigelegt. Die erste Besiedelung der Messara-Hochebene reicht bis ins Neolithikum, um das 5. Jahrtausend vor Christus zurück. Ab etwa 1800 v. Chr. herrschten die Minoer über das Gebiet. Die Messara-Ebene spielte auch in der griechischen Mythologie eine große Rolle. Hier, unter einen schattigen Platane verführte Zeus Europa. Aus dieser Vereinigung wurden Minos und Radamanthys geboren. Auf denselben Wiesen paarten sich nach griechischer Sage auch der Stier, den Poseidon dem König Minos schenkte, mit der Königin Parsiphae. Daraus ging der Minotaurus hervor.

Als die Dorer einwanderten, im achten Jahrhundert vor Christus, erlangte Gortyn allmählich große politische Bedeutung. In hellenistischer Zeit rivalisierte die Stadt nicht nur mit Knossos, sie betrieb auch eine eigenständige Außenpolitik.

Der römische Feldherr Caecilius Metellus schließlich machte das eroberte Gortyn zur Hauptstadt der Provinz Creta. Messara wurde zu einer der wichtigsten Kornkammern Roms. Im Jahr 59 besuchte der Apostel Paulus Gortyn und ließ seinen Gefährten Titus als Bischof zurück. Damit wurde Gortyn zum Zentrum der Christianisierung Kretas. Nach der Eroberung durch die Sarazenen im Jahre 824 wurde die Stadt entvölkert und dann erneut (mit Sarazenen) besiedelt.

Während der Bagger die obersten Schichten der trockenen Erde abträgt, hat sich Zanini einem unscheinbaren weißen Stein zugewandt, der etwas abseits in der Erde liegt. Auf den ersten Blick ist es ein Stein von tausenden, die hier herum liegen. Doch betrachtet man ihn genauer, kann man Gesichtszüge erkennen. "Hier haben wir den Kopf einer römischen Statue gefunden, die wir jetzt ausgraben", sagt der Archäologe. "Bevor wir zu den römischen Hinterlassenschaften vorstoßen, müssen wir meist erst einmal die byzantinischen Überreste ausgraben", erklärt Zanini. "Über dem Gebiet, wo wir den Kopf der römischen Statue ausgegraben haben, befand sich ein byzantinisches Handwerkerviertel. Das haben wir anhand der gefundenen Werkzeuge belegt."

Es ist Tradition, dass die Italiener in Gortyn graben. Zum ersten Mal erhielt die italienische Archäologische Gesellschaft vom kretischen Staat zur vorletzten Jahrhundertwende die Erlaubnis, in Gortyn zu forschen. Diese Tradition hat sich fortgesetzt. Doch die Erlaubnis zu graben, wird von den griechischen Behörden immer nur für einen begrenzten Zeitraum vergeben. Enrico Zanini hat für seine Kampagne nur einen Monat Zeit. Bis zum letzten Tageslicht arbeitet das Team aus Wissenschaftlern und Studenten zwischen den Ruinen des Prätoriums.

Meistens sind es feine Instrumente wie Spachteln oder Pinsel, mit denen die Archäologen Fundstücke wie Münzen oder Gefäßfragmente freilegen. Dann wird alles akribisch katalogisiert und fotografiert. So ist das Team bis tief in die Nacht beschäftigt, denn alle Ausgrabungen verbleiben danach auf Kreta. "Wenn wir hier alles ausgraben würden, wären damit Generationen beschäftigt", betont Zanini. Immer noch schaufelt der Bagger die staubige Erde beiseite. Und das ganze Team wartet gespannt, wie die Statue aussehen wird, deren Kopf so vielversprechend aus der gelblich-braunen Erde ragt.

Tipps für Besucher

Nur für einen kleinen Teil von Gortyn muss man Eintritt zahlen (vier Euro). Die größten Areale sind frei zugänglich und bis heute nur begrenzt erforscht. Wenn man Glück hat, trifft man dort auch Archäologen, die meist gerne über ihre Arbeit Auskunft geben.

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