Vergiftete Schnäppchen

- Hamburg/Unna - Die Deutschen hat das Auktionsfieber gepackt. Richtete sich diese Erwerbsform früher eher an Kunst- oder Antiquitätenhändler, so haben sich Versteigerungen durch das Internet zum Volkssport entwickelt. Das wird beim Online-Auktionshaus eBay schon bei der Anmeldung deutlich. Zum Mitbieten muss man sich ein Pseudonym ausdenken - kein leichtes Unterfangen bei 6,4 Millionen registrierten Mitgliedern in Deutschland. Selbst die Namen ausgefallener Film- oder Romanhelden sind längst vergeben.

<P>Tatsächlich stöberten laut eBay im September 2002 sogar 10,76 Millionen Besucher im Angebot des Online-Marktplatzes - ein Plus von 1,8 Millionen in nur drei Monaten. Um den Titel der Nummer zwei streiten sich in Deutschland die Online-Auktionshäuser ricardo.de und hood.de. "Aber gegen eBay ist es ein Kampf wie David gegen Goliath", sagt Sabine Schlebes von Ricardo in Hamburg.</P><P>Die Nutzung von Online-Auktionen wächst nicht nur in der Breite. Bei einigen Mitgliedern machen sich inzwischen Anzeichen von Abhängigkeit bemerkbar. Noch wird das Thema meist mit Humor behandelt: "Du bist eBay-süchtig wenn...", lautet eine beliebte Frage in den Foren der Plattform. Eine Auswahl an Antworten: "...im Laden jemand vor dir einen Artikel für 8 Euro kaufen will und du 8,51 Euro bietest", "...du nicht zur Party deiner besten Freundin gehen kannst, weil Auktionen auslaufen", "...dir dein Paketbote auf der Straße zuwinkt, obwohl du neu in der Stadt bist".<BR>Die Wirklichkeit dürfte in vielen Haushalten weniger lustig sein.</P><P>Zwar ist das Phänomen noch zu jung, als dass Betroffene massenhaft Therapeuten und Beratungsstellen bestürmen würden. "Aber da entwickelt sich ein Problem", ist sich Frances Lukaczyk vom Arbeitskreis gegen Spielsucht in Unna sicher. "Das Problem ist vermutlich schon da", sagt Professor Iver Hand, Leiter der Verhaltenstherapie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, der in diesem Zusammenhang aber lieber von zwanghaftem Verhalten spricht.</P><P>In jedem Fall handelt es sich um eine brisante Mischung von Abhängigkeiten: Kaufsucht, Spielsucht und Internetsucht. Der Online-Marktplatz präsentiert sich als ununterbrochene Kette von Schnäppchen, zwölf Millionen sollen es bei eBay weltweit ständig sein. Wer eins ergattern möchte, muss seine Konkurrenten beim Bieten ausstechen - ein Wettkampf, der sich schnell vom ursprünglichen Gegenstand lösen kann. Wer da nicht aufpasst, braucht die aufregenden Beutezüge durchs Netz bald in immer kürzeren Abständen.</P><P>Keine Frage: Das Geschäftsprinzip von Online-Auktionshäusern ist verführerisch und verleitet Menschen, Dinge zu ersteigern, die sie bei näherem Hinsehen nicht benötigen. Ob sich die Schwäche aber schon als eine Form von Sucht darstellt, ist eine Frage der Intensität.</P><P>"Ein Normalverbraucher geht da ein paar Mal rein, aber lässt es zwischendurch auch wieder", sagt Günter Mazur, Suchttherapeut am Fachkrankenhaus Nordfriesland in Bredstedt. Gefährlich wird die Sache, wenn das wirkliche Leben durch die virtuelle Parallelwelt in den Hintergrund gedrängt wird: Der Bieter muss die Dosis immer weiter steigern, ist bald stündlich auf den Auktions-Seiten, vernachlässigt andere Hobbys, seine Beziehung und den Beruf. "Alkoholtrinker brauchen 10 bis 15 Jahre, bis sie ihre Sucht ausbilden, Glücksspieler 2 bis 4r", so Mazur. "Beim Internet geht das wegen der hohen Ereignisdichte in 2 bis 4 Monaten."</P><P>Ein gutes Indiz für eine Abhängigkeit ist auch das Gefühl am sprichwörtlichen "Morgen danach". Wer bloß einen benötigten Gegenstand zum günstigen Preis erworben hat, freut sich über seinen Fang oft noch nach Wochen. Beim "Auktions-Junkie" dagegen setzt, sobald die Ware zu Hause eintrifft, emotionale Enttäuschung ein, Katzenjammer. Das zeigt laut Mazur, dass es nicht um den Gegenstand an sich geht, sondern um den Prozess vor dem Kauf, das Habenwollen, die Bekämpfung von Langweile und innerer Leere.</P><P>Zur Sucht gehört oft eingeschränkte Selbstkritik. Nicht selten werden es deshalb Angehörige sein, die sich zu Maßnahmen gegen den unkontrollierten Internet-Handel aufgerufen fühlen. Sie tun Professor Hand zufolge gut daran, dem Betroffenen ohne Vorwurfshaltung gegenüberzutreten: "Man sollte ihn nicht unter Druck setzen und gleich zu einer Therapie auffordern." Besser sei es, ein gemeinsames Beratungsgespräch anzubieten und auch die Möglichkeit des eigenen Überbesorgtseins einzuräumen.</P><P>Der Süchtige sollte sich in Ehrlichkeit üben - anderen, aber zunächst sich selbst gegenüber. Nach Ansicht Hands hat es wenig Sinn, sich etwa durch Kindersicherungen den Zugang zum Online-Auktionshaus zu versperren: "Verbote bringen mittelfristig überhaupt nichts." Stattdessen sollten sich Betroffene vor dem Gang ins Internet Rechenschaft ablegen _ etwa mit Fragen wie: Warum will ich in die Versteigerung? Wie ist es mir dabei zuletzt ergangen? War ich danach zufriedener? Dahinter steht in letzter Konsequenz die Frage, ob das eigene Leben genügend positive Ziele bereithält, und dabei kann dann vielleicht doch nur ein Therapeut helfen.</P><P>Spezielle Selbsthilfegruppen für Online-Auktions-Süchtige gibt es noch nicht. Betroffene können sich aber um Aufnahme bei den Kaufoder Spielsüchtigen bemühen, deren Probleme viele Parallelen aufweisen. Die erste Selbsthilfegruppe für Onlinesüchtige musste im vergangenen Jahr wegen finanzieller Schwierigkeiten ihre Arbeit einstellen. "Unser Forum unter http://www.onlinesucht.de besteht aber fort und verzeichnet ständig neue Einträge", sagt die ehemalige Vorstandsvorsitzende Gabriele Farke aus Buxtehude, die eBay selbst "gnadenlos verführerisch" findet.<BR>Bei eBay mit Sitz im Europarc Dreilinden bei Berlin möchte man das Wort "Sucht" in Bezug auf die eigene Geschäftstätigkeit nicht in den Mund nehmen. Die Nutzung des Online-Marktplatzes sei allerdings bei den Nutzern "mit viel Emotion" verbunden. Freude und Frust lägen beim Steigern "ganz nah beieinander".</P><P>Informationen: im Internet unter http://www.onlinesucht.de und http://spielsucht-therapie.de. </P>

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