Verjüngungskur Winterschlaf - aber nicht für jeden

- Ob Haselmäuse, Siebenschläfer, Igel, Hamster oder Murmeltiere - in der kalten Jahreszeit ziehen sich viele Säugetiere in einen Unterschlupf zurück, um Winterschlaf zu halten. Auch die Kolibris und einige andere Vogelarten fallen in einen winterschlafähnlichen Zustand. Reptilien, Amphibien und andere wechselwarme Tiere können die Monate im Zustand der Kältestarre verbringen. Bären, Dachse oder Eichhörnchen hingegen ziehen die Winterruhe vor, bei der die Körpertemperatur nur etwas sinkt.

<P>Und dann gibt es noch das Phänomen des Sommerschlafs. Ihn pflegen Krokodile und Schlangen und bei uns die Weinbergschnecken in Perioden großer Hitze und Dürre zu halten.</P><P>Kürzlich haben die Marburger Zoologen Prof. Gerhard Heldmaier und Kathrin H. Dausmann einen Primaten ausfindig gemacht, der sieben Monate winterschlafend verbringt - und das bei tropischen Temperaturen von über 30 Grad Celsius. Es ist der Fettschwanzmaki, ein Halbaffe, der auf auf Madagaskar lebt. Das nur rund 15 Zentimeter lange und etwa 130 Gramm schwere Tier, das eher wie ein Eichhörnchen als ein Äffchen aussieht, ist für sein nachtaktives Leben mit riesigen dunklen Augen ausgerüstet.<BR><BR>Auf Madagaskar mangelt es in der kühleren Trockenzeit an Wasser und Nahrung. Die Fettschwanzmakis fressen sich deshalb dicke Fettpolster an, verkriechen sich in einer Baumhöhle und schalten ihren Stoffwechsel auf Sparflamme.<BR><BR>Paradoxerweise schlafen diejenigen Makis am schlechtesten, die in dickwandigen Baumhöhlen überwintern, wo sich die Schwankungen der Außentemperatur kaum bemerkbar machen. In solchen Quartieren wird es den Makis schnell zu kalt, und sie müssen regelmäßig ihren Schlaf unterbrechen, um den Körper für einige Stunden wieder auf 33 Grad aufzuheizen. In aller Ruhe durchschlafen können dagegen Makis, die sich in dünnwandigen, schlecht isolierten Baumhöhlen verschanzt haben. Wie die Reptilien gleichen sie nämlich ihre Körpertemperatur dem Auf und Ab der Außentemperatur an.<BR><BR>Die niedrigste Körpertemperatur, die Kathrin Dausmann bei schlummernden Tieren ermitteln konnte, lag bei nur 9,3 Grad, die höchste bei 35,9 Grad. Solche extremen Temperaturschwankungen sind bei keinem anderen Säugetier bekannt.<BR><BR>Was Bären mit Menschen gemeinsam haben</P><P>Zu den größten Vorzügen des Winterschlafs gehört es, dass er wie eine Verjüngungskur wirkt und die Lebenserwartung erhöht. So kann die Weißzahnspitzmaus, die viel Zeit im Dämmerschlaf verbringt, vier bis sechs Jahre alt werden. Die mit ihr eng verwandte Rotzahnspitzmaus hingegen, die rastlos aktiv ist, lebt nur zwei bis drei Jahre.<BR><BR>Man hat daraus geschlossen, dass Menschen erheblich langsamer altern würden, wenn man sie von Zeit zu Zeit in einen künstlichen Winterschlaf versetzen könnte. Das ist zwar bisher Zukunftsmusik, wäre aber technisch ohne weiteres durchführbar, so die Forscher.<BR><BR>Der Winterschlaf hat aber auch negative Auswirkungen. So hat die Wiener Biologin Eva Millesi herausgefunden, dass Ziesel nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf Aufgaben nicht mehr lösen konnten, mit denen sie vorher spielend zurechtgekommen waren. Solche Ausfallerscheinungen sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass das Gehirn eingerostet ist und viele neuronale Verbindungen verloren hat.<BR><BR>Eva Millesi entdeckte auch, dass Ziesel während ihres Winterschlafs periodisch Pausen einlegen, um vor allem eines nachzuholen - gewöhnlichen Schlaf. Die Wachphasen könnten dazu dienen, das Gehirn vor gravierenden Schäden zu schützen, meint Millesi.</P><P>Der Leipziger Neurologe Prof. Thomas Arendt hat erforscht, was der Winterschlaf im Gehirn von Eichhörnchen anrichtet. Dabei zeigte sich, dass es in ihrem Gehirn zu ähnlichen Veränderungen kommt, wie sie bei Alzheimer-Patienten auftreten. Von diesen Veränderungen ist vor allem das so genannte Tau-Protein betroffen, das für den Stofftransport zwischen den Nervenzellen zuständig ist. In beiden Fällen kommt es zur Anreicherung von Phosphatresten. Die Folge: Eine Reihe höherer Gehirnfunktionen sind stark beeinträchtigt oder lahm gelegt. Doch so viel sich auch im Gehirn der Eichhörnchen verändert - wenige Tage nach Ende des Winterschlafs hat es sich vollständig regeneriert. </P><P>Bei Alzheimer-Kranken gibt es keine Regeneration. Arendt glaubt, dass Alzheimer auf einem fehlgesteuerten Mechanismus beruht, den die Evolution einst zum Schutz des Gehirns hervorgebracht hat. Derzeit untersucht er die Auswirkung des Mechanismus bei Bären: Da es zwischen dem Gehirn des Bären und des Menschen mehrere Übereinstimmungen gibt, könnte dies vielleicht die Suche nach Alzheimer-Therapien erleichtern.</P>

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