Vernachlässigter Autoritäts-Kritiker

- Vor 30 Jahren wusste an den Universitäten, auch der Münchner jeder, wer Theodor W. Adorno war. Der Philosoph und Soziologe (1903 - 1969), der am 11. September 100 Jahre alt geworden wäre, war schon ein Mythos zu Lebzeiten: Scharfsinniger Denker und brillanter Stilist verkörperte er jene nonkonformistische Forschungsrichtung der "Frankfurter Schule", die nach 1945 den moralisch-politischen Neuanfang der jungen westdeutschen Republik auch wissenschaftlich repräsentierte und bald Schüler - z.B. Jürgen Habermas oder Alexander Kluge - fand.

<P>Bei vielen seiner einstigen Studenten sind die Erinnerungen an ihren Lehrer noch präsent: "Intellektuell bin ich 1956 in ein neues Universum eingetreten," berichtet der in Starnberg lebende Philosoph Jürgen Habermas, 1956 bis 1959 Forschungsassistent am von Adorno geleiteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt, "Verglichen mit dem Bonner Universitätsmilieu, war hier die Lava des Gedankens im Fluss." Während der fünfziger Jahre habe es "vermutlich in der ganzen Republik keinen zweiten Ort gegeben, an dem die intellektuellen 20er Jahre so präsent waren." In ungezwungener Weise kursierten die Namen von Benjamin, Kracauer und Bloch, Brecht,Luk|2acs, Norbert Elias, natürlich die Namen von Thomas und Erika Mann, Alban Berg und Arnold Schönberg. Auch der Stil der Vorlesung begeisterte den damals 24jährigen Habermas: "Der beherrschende Eindruck war Aufklärung, das Versprechen, verschwiegene Zusammenhänge transparent zu machen."<BR></P><P>Die Erinnerungen von Michael Rutschky, der in den 60ern bei Adorno studierte, sind persönlicher: "Adorno verkörperte nicht nur die Welt des Geistes, er verkörperte einen unkorrumpierten Geist", so Rutschky in seinen Erinnerungen<BR>Wie klug-ironisch Adorno sein konnte, zeigt Rutschkys Anekdote, wie er einmal mit Adorno im Fahrstuhl zum Hörsaal fuhr und Adorno vorschlug, die Studenten sollten gegen diese unbequemen Fahrstühle protestieren; ein subtiler Scherz über die Studentenrevolte, so sehr Adorno diese auch in ihrer Kritik der autoritären Gesellschaft unterstützte. <BR></P><P>Wer heute an der Münchner Universität etwas über Adorno lernen möchte, wird allerdings nur schwer fündig.<BR>Weder die Fakultät für Philosophie noch die für Sozialwissenschaften bietet im Wintersemester Lehrveranstaltungen zu Adorno an. Trösten kann man sich damit, dass auch zu Descartes, Kant und Hegel kaum etwas zu finden ist. Offenbar glaubt man, auch in den neuesten Fragen der Gegenwart immer noch mit Platon auskommen zu können. In den Lehrveranstaltungen der vergangenen Semester beschäftigten sich mit Adorno vor allem die Philosophieprofessoren Alfons Reckermann und Bernhard Lypp, sowie der Soziologe Ulrich Beck. <BR></P>

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