Vitaminstoß aus dem Unterhemd

- Tag für Tag schlucken die Menschen in den Industrienationen Vitamin-Präparate, was das Zeug hält. Aber warum überhaupt noch schlucken, wenn es trendy ist, dass der tägliche Vitaminstoß aus dem Unterhemd kommt! Möglich macht dies das Italien-Projekt Bayscent Aromatherapy von Bayer Chemical, einem Unternehmensbereich der Leverkusener Bayer AG. Textilien werden dazu mit diffusionsdichten Mikrokapseln aus Polyurethan veredelt, in die unterschiedliche Substanzen gepackt werden können.

<P> Bei Bewegung und Reibung an der Haut reißen die Mikrokapseln auf und setzen die Wirkstoffe frei. So ausgestattet wollen die Polsterstoffe des Mailänder Unternehmens Alcantara mit behaglichen Düften eine entspannende Wohnatmosphäre schaffen. Andere Firmen wollen mit zugesetztem Aloe Vera die Haut ihrer Textilkunden pflegen und deren Gesundheit durch Acerola, einer Vitamin C-Komposition aus der Acerolakirsche erhalten. <BR><BR>Acerola stärkt das Immunsystem und schützt durch seine antioxidative Wirkung den Organismus, verspricht der Hersteller.<BR><BR>Trotz vereinzelter sachlicher Kritik aus der Grundlagenforschung nimmt der Innovationszug der Textilindustrie immer mehr an Fahrt auf: Bettwäsche, die Keime tötet; Socken, die Schweißgeruch verhindern; Unterwäsche, die Hautentzündungen hemmt; Boxershorts, die das Immunsystem stärken; Hemden, die die Haut pflegen; Jacken und Westen die vor UV-Strahlung, Elektro-Smog und kosmischen Strahlen schützen und im Falle kritischer Vitalwerte ärztliche Hilfe anfordern. <BR><BR> Toxikologen und Hautärzte warnen aber davor, Textilien mit pharmakologisch, kosmetisch und hygienisch wirkenden Substanzen aufzurüsten. "Sie können gesundheitliche Risiken wie Allergien in sich bergen", sagt Prof. Franz Daschner, Direktor des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene in Freiburg und wird bestätigt vom Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Prof. Axel Kramer (Greifswald): "Durch den ständigen Kontakt wird die Hautflora verändert und Pilzbesiedlungen der Boden bereitet."<BR><BR>Für antimikrobiell wirkende Textilien will Kramer insgesamt kein Verständnis aufbringen: "Ich verstehe das Ganze nicht. Wir haben hochwirksame Präparate, die Betroffenen bei richtiger Diagnose sicher helfen. Wozu dann solche Entwicklungen?".<BR><BR>Die hält in Freiburg Daschners Mitarbeiter, der Biologe Armin Schuster, nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus ökologischer Sicht für bedenklich, weil sich durch das Einbringen von Wirksubstanzen das Umweltprofil von Textilien über die gesamte Produktlinie verschlechtere: "Das den Textilien oft zugesetzte Triclosan wirkt nicht nur allergisierend, es ist auch schlecht abbaubar und gilt als Dioxinquelle." Und Silber, dessen Ionen Keime zerstören soll, ist auf der Erde ein knapper Rohstoff und seine Gewinnung ist äußerst umweltbelastend. <BR> Silber für Textilien zu verschwenden, ist eine ökologische Sünde und außerdem verschlechtert es die Fasereigenschaften. "Wann immer Stoffe direkt auf die Haut wirken, sollte man sehr vorsichtig sein. Patienten müssen deshalb die Sicherheit haben, dass so ausgerüstete Textilien geprüft sind", meint die Münchner Dermatologin Anke Gauger.<BR><BR>Doch nach welchen Kriterien soll das geschehen? Das Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fühlt sich nicht zuständig, weil Kleider Bedarfsgegenstände sind und damit nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. <BR><BR>Damit wäre die Bedarfsgegenstände-Verordnung die rechtliche Grundlage. Die wiederum verbietet aber, Textilien so herzustellen, dass sie die Gesundheit schädigen können, weshalb das zuständige Berliner Institut für gesundheitlichen Verbraucherschutz solche Textilien nicht zulassen würde. <BR><BR>Weil sie aber pharmakologisch wirksam sind, haben die Verbraucherschützer keine Handhabe. <BR>Daschner und Schuster sprechen deshalb von einer "skandalösen und unlauteren und im übrigen illegalen Praxis", weil antibakteriell wirksame Textilien weder als Arzneimittel noch als Medizinprodukte überprüft, registriert und zugelassen seien.<BR><BR> In diesem Spannungsfeld versucht der Textilexperte Maximilian Swerev von den Hohensteiner Instituten in Bönnigheim zu vermitteln: "Eine gesonderte Gesetzgebung brauchen wir nicht. Die europäischen Bedarfsgegenstände- und Arzneimittelverordnungen reichen völlig aus. Wir müssen für Hersteller antibakterieller Kleidung nur die für sie relevanten Vorschriften bündeln". <BR><BR>Swerev arbeitet an einem Teststandard, an dessen Ende ein Qualitätssiegel stehen soll. Ziel: alle medizinisch wirksamen Textilien sollen die Bedingungen der Arzneimittelgesetze erfüllen. <P>T-Shirts und Shorts könnten bald nicht nur als lockere Sportbekleidung dienen. Geplant ist, Kleidung herzustellen, die durch die Abgabe von Wirkstoffen die Haut pflegen oder das Immunsystem stärken. Ärzte sehen diese Entwicklung mit durchaus gemischten Gefühlen. Die einen träumen von "heilenden Stoffen", die anderen fürchten neue<BR>Allergien.<BR><BR><BR> </P>

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