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Markus Stoll alias Harry G: Erst Youtube, dann Radio, TV und die großen Bühnen.

So hart arbeiten die Stars aus dem Kinderzimmer

Was auf Youtube locker und spontan wirkt, ist knallhartes Geschäft 

Kaum eine Internet-Plattform ist bei Jugendlichen so beliebt wie Youtube. Hier werden die Stars der Zukunft entdeckt. Doch hinter dem, was so locker daherkommt, steckt mittlerweile eine gigantische Industrie. Die hat längst auch Bayern erreicht.

Vor knapp neun Jahren setzte sich ein 13-jähriger Bub mit einer Gitarre auf die Stufen des Avon Theatre in Stratford, einer Stadt im Südosten Kanadas und spielte. Die Stimme kräftig, der Pulli rot, die blonden Haare Beatles-ähnlich geschnitten. Nur die Gitarre wirkt noch etwas zu groß für ihn. Die Kamera wackelt und schwenkt hektisch, wie man es aus vielen Amateurvideos kennt, und trotzdem ist hier etwas entscheidend anders. Denn dieses etwas unscharfe Video haben sich mittlerweile fast neun Millionen Menschen weltweit angesehen. Es zeigt nämlich niemand anderen als den Popstar Justin Bieber, 22, bevor er berühmt wurde und Konzerthallen auf der ganzen Welt mit Fans füllte.

Von Franken nach Hollywood: Flula Borg, 34, lebt jetzt in Amerika. 

Seine Eltern begannen damals, Videos von ihm auf die Onlineplattform Youtube zu stellen, die 2005 gegründet wurde. Was daraufhin folgte, ist so etwas wie eine moderne Aschenputtel-Geschichte: Ein Musikmanager sah die Videos von Bieber, erkannte sein Talent und besorgte ihm einen Plattenvertrag. Mittlerweile hat Bieber vier Studioalben veröffentlicht, gibt Konzerte auf der ganzen Welt und verdient Millionen.

Der Traum berühmt zu werden ist gerade bei Jugendlichen natürlich viel älter als Justin Bieber und Youtube zusammen. Trotzdem ist die Internet-Plattform, auf der man kostenlos selbstgedrehte Filme hochladen kann, eine neue Instanz im Himmel der Aschenputtel-Träume. Was früher der Talentwettbewerb war, oder in den Neunzigern die Mini Playback Show, findet heute im World Wide Web statt. Die Bühne ist das eigene Zimmer, die Küche oder die Wiese ums Eck. Junge Menschen singen, spielen Instrumente, erzählen Witze, kochen oder zeigen, wie man sich richtig schminkt.

Was für frühere Generationen der Fernseher war, ist für die heutige Jugend das Internet und damit auch Plattformen wie Youtube. Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest nutzen 94 Prozent der Jugendlichen Youtube. Die Hälfte von ihnen ist sogar täglich dort unterwegs.

Singt Cover-Songs und kocht im Netz für seine Fans: Alessandro Capasso, 22. Privat

Und wer sich eine Weile durch die Welt der Youtuber bewegt, versteht auch, warum. Diejenigen, die dort Videos online stellen – was nur circa drei Prozent der jugendlichen Youtube-Nutzer tun – sind im gleichen Alter wie ihre Zuschauer und sprechen die gleiche Sprache. Sie reden bei ihren Videos direkt in die Kamera, als würden sie jeden einzelnen Zuschauer persönlich kennen. Das schafft Wärme, Nähe, Vertrautheit.

Professionelle Youtuber bauen sich so eine Fangemeinschaft auf. Sie stellen regelmäßig Inhalte ins Netz und diskutieren mit ihren Fans. Einer von ihnen ist Alessandro Capasso, 22, aus Wolfratshausen, der dort unter dem Namen DerSandro123 Cover-Songs singt, kocht oder mit Witz erklärt, wie Leute seinen italienischen Namen falsch aussprechen. Seit 2009 ist er auf Youtube unterwegs, zunächst nur als Zuschauer. Vor eineinhalb Jahren stellte er sein erstes Video online. Mittlerweile hat er dort über 16 000 Abonnenten, also Nutzer, die regelmäßig seine neuen Videos sehen. Ihm gefällt an Youtube vor allem, dass man sich dort kreativ ausleben und seine Leidenschaft mit anderen teilen kann, sagt Capasso. Besonders schön sei natürlich, wenn er positive Kommentare zu seinen Videos bekommt.

Mittlerweile wisse er aber auch, dass man viel Zeit investieren muss, um eine Youtube-Berühmtheit zu werden. Je nach Aufwand dauert es manchmal mehrere Tage ein Video zu drehen und zu schneiden. Wer nicht regelmäßig neue Videos hochlädt, verliert schnell das Interesse der Nutzer. Capasso hat mittlerweile ein Studium begonnen und nicht mehr so viel Zeit für Youtube. Große Ambitionen hat er dort im Moment aber auch nicht: „Ich mache das alles aus Spaß.“

Dabei ist Youtube längst nicht mehr nur eine zentrale Sammelstelle für Wackelvideos. Viele sehen nicht nur aufwendig produziert aus, sie sind es tatsächlich. Mittlerweile hat sich eine ganze Industrie um Youtube herum entwickelt, die Nachwuchstalente sucht und fördert. Firmen wie Mediakraft oder Studio 71 unterstützen die Künstler bei der Finanzierung ihrer Videos, stellen ihnen Drehräume zur Verfügung oder bieten Fortbildungs-Kurse darüber an, wie man Fans für sich gewinnt.

Allein Mediakraft hat derzeit 1500 Künstler in Deutschland unter Vertrag. Dabei geht es nicht nur darum, den Youtube-Auftritt zu optimieren, sondern langfristig auch andere Jobs im Show-Geschäft zu ergattern: In Fernseh- oder Filmproduktionen zum Beispiel oder auch lukrative Werbeverträge.

So wie eine der erfolgreichsten und meistverdienenden Youtuber Deutschlands: Bianca Heinicke aliasBibi. Die 23-Jährige aus Köln begann 2012, Videos unter dem Namen Bibis Beauty Palace hochzuladen, eine Mischung aus Comedy, Mode- und Kosmetik-Themen. Inzwischen hat sie fast vier Millionen Abonnenten. Auf Youtube hält sie auch immer wieder Markenartikel in die Kamera, die sie ihren Fans zum Kauf empfiehlt. Kritiker beschuldigen sie, das Vertrauen ihrer Fans auszunutzen, um ihnen teure Produkte aufzuschwatzen. Bibi beteuert dagegen, nur Produkte zu empfehlen, von denen sie persönlich absolut überzeugt sei.

Youtuber sind für viele Firmen interessant, weil sie eine große und meist junge Fangemeinschaft mitbringen. Für jedes Produkt, das in die Kamera gehalten und jeden Link zur Unternehmensseite, der unter das Video platziert wird, gibt es dann Geld. Alternativ beteiligt Youtube die Künstler auch an ihren Werbeeinnahmen. Der Youtuber Phillip Steuer sagte in einem Interview, er bekäme circa einen Euro für jeweils 1000 Klicks. Das macht bei einem Video, das zehn Millionen Mal angeklickt wurde, 10.000 Euro.

Tochtergesellschaft von Google: Eine Milliarde Menschen nutzen Youtube weltweit.

Große Zahlen, die aber nur einige wenige tatsächlich erreichen können. Für viele bleibt Youtube ein Hobby. Oder ein Sprungbrett in eine andere Karriere. So, wie bei Philipp Laude, Matthias Roll und Oguz Yilmaz, bekannt unter dem Namen Y-Titty. Das Comedy-Trio wurde ab 2006 bekannt durch seine Videos, die die Jungs im mittelfränkischen Landkreis Roth drehten, in denen sie berühmte Filme und Songs nachstellten und veralberten. Für viele gelten sie als Pioniere der Youtube-Szene. Vor knapp einem Jahr gaben sie ihren Abschied von der Online-Plattform bekannt. Viele Fans hatten damals kritisiert, das Trio hätte sich zu sehr auf Produktwerbung konzentriert: „Ihr seid Youtuber, keine Geschäftsleute!“, schimpften manche. In Zukunft wollen die Jungs vermehrt vor und hinter Film-Kameras stehen.

Auch Markus Stoll, 37, alias Harry G wurde durch Youtube bekannt. Der Regensburger stellte 2013 zum Wiesn-Start Videos online, in denen er das Volksfest mit seinem ganzen Wahnsinn auf die Schippe nahm. Mittlerweile hat er eigene Radioprogramme, tritt in Fernsehserien auf und tourt mit Comedy-Programmen durch Deutschland.

Einen anderen bayerischen Youtuber hat es gleich auf einen anderen Kontinent verschlagen: Flula Borg, 34, lebt mittlerweile in den USA, ist in Hollywood unter Vertrag und dreht Kinofilme. Angefangen hat der gebürtige Franke mit Videos auf Youtube, in denen er im Auto Lieder spielt und Comedy macht.

Während die erste Generation der Youtuber inzwischen Filme dreht, moderiert und auf analogen Bühnen auftritt, steht die nächste Generation schon bereit. Für Markus Gerstmann ist die Zeit der ganz großen Youtube-Stars aber langfristig vorbei. Der Bremer Medienpädagoge verfolgt seit Jahren die Szene. Die Entwicklung gehe immer mehr in die Breite, die Zahl der Superstars mit hohen Klickzahlen dagegen zurück, sagt er. Die Szene ist permanent im Wandel. Ständig kommen neue Youtuber dazu und verschwinden wieder. Doch wie sollen Eltern reagieren, wenn sich ihre Kinder plötzlich in diese Welt begeben?

Gerstmann empfiehlt Eltern, vor allem gelassen zu bleiben und die Jugendlichen bei ihrem Hobby zu begleiten. Gemeinsam die Videos anschauen, bevor sie veröffentlicht werden, reflektierte Fragen stellen: „Was passiert, wenn Du negative Kommentare bekommst? Willst du wirklich, dass das alle sehen?“ Aber eben auch nicht alles schlecht machen, sondern konstruktive Kritik geben.

Dabei ermutigt Gerstmann die Eltern an ihre eigene Jugend zurückzudenken und welche Träume sie damals verfolgten. Der Traum von der Berühmtheit ist zwar schon sehr alt, aber das Erfolgsgeheimnis hat sich auch in Zeiten von Youtube nicht geändert: Es braucht Talent, Glück und jede Menge harte Arbeit.

Münchens bekannteste YouTuber: Einer testet Drogen

Unser Autor Michael Sapper hat die bekanntesten YouTuber der bayerischen Landeshauptstadt gesucht - und gefunden. Lesen Sie seine Portraits der Münchner Youtuber Annacotta, Violenz23, ZEO, Openmind und JustKetchup.  

Eva Casper

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