Berliner Flughafen BER soll im Oktober 2020 in Betrieb gehen

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Dieses Plakat hing kürzlich auch am Bahnsteig der U-Bahnen U4 und U5 im Münchner Hauptbahnhof.

Was bringt Homöopathie?

Glaubenskampf um Globuli

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Die einen schwören drauf, andere halten Globuli für Humbug: Wieder mal tobt ein Streit um die Homöopathie. Gerade erst hat ein Weilheimer Arzt einem Kind zehn Kügelchen aus dem Ohr gefischt – und die Homöopathie scharf attackiert. Viele Patienten fühlen sich angegriffen.

Susannchen hat es erwischt. Zum Glück nur auf dem Plakat, das kürzlich in München hing. Ein Mädchen mit Zöpfen, an den roten Bäckchen und dem dicken Schal sah man gleich: Die Kleine ist erkältet. Fans der Homöopathie hätten ihr vielleicht gern Zuckerkügelchen gereicht. „Susannchen braucht keine Globuli“ stand da aber.

Dieses Plakat hing kürzlich auch am Bahnsteig der U-Bahnen U4 und U5 im Münchner Hauptbahnhof. 

Hinter der Aktion steckt das „Informationsnetzwerk Homöopathie“ der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“. Darin haben sich unter anderem Mediziner und Wissenschaftler zusammengeschlossen, die Globuli & Co. kritisch sehen. Für das Netzwerk arbeitet auch Dr. Natalie Grams, 38, selbst Ärztin. Einst aber auch „überzeugte Homöopathin“, wie sie sagt (siehe Interview). Heute würde sie ein verschnupftes Susannchen nicht mehr mit Globuli behandeln. Zum einen, weil das Kindern vermittle, dass sie „bei jedem Wehwehchen ein Medikament“ brauchen, wo Zuspruch und heißer Tee meist genauso gut helfen. Zum anderen, „weil homöopathische Mittel natürlich keine Medikamente sind“.

Schon ist man mittendrin im Streit um die Homöopathie. Mitte Januar sorgte das Erlebnis eines Weilheimer Arztes für Aufregung: Er hatte einer Vierjährigen mit Mittelohrentzündung zehn Globuli aus dem Ohr gezogen. Der Mediziner twitterte: „Homöopathie wirkt: Dummheit potenziert sich“ – und warnte im Interview mit unserer Zeitung: „Der homöopathische Ansatz ist ein überhaupt nicht nachvollziehbares Gedankenkonstrukt.“ Viele Leser reagierten erzürnt. Denn um die Kügelchen gibt es einen Glaubenskampf, der fast so alt ist wie die Lehre selbst. Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann hat sie ersonnen, vor mehr als 200 Jahren. Die Zahl der Anhänger steigt.

War erst kritisch, hat sich aber von der Homöopathie überzeugen lassen: Dr. Ulf Riker, Internist und Dozent beim Deutschen Zentralverband homöopathischer Ärzte (DZVhÄ).

Das belegen auch Erhebungen des Instituts für Demoskopie in Allensbach für Deutschland. 2009 gaben 53 Prozent der Befragten an, bereits homöopathische Arzneien probiert zu haben. 2014 sagten das 60 Prozent. Weltweit erfreue sich die Homöopathie „steigenden Zuspruchs“, bestätigt Prof. Dieter Melchart, Direktor des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde am Klinikum rechts der Isar in München. Sehr beliebt sei sie etwa in Südamerika und in Indien.

Viele Anwender wissen nicht genau, was sie da schlucken. Die Homöopathie ist nämlich nicht einfach eine Art Pflanzenheilkunde. Zwar werden als Ausgangsstoff homöopathischer Arzneien oft Teile von Pflanzen eingesetzt, aber auch Metalle oder sogar Gifte. Die daraus gewonnene „Urtinktur“ wird daher selten in reiner Form verwendet, sondern fast immer stark verdünnt. Homöopathen sprechen von „potenzieren“.

„Sie können heute wissenschaftlich nicht belegen, dass die Homöopathie wirksam wäre.“ Das sagt Komplementärmediziner Prof. Dieter Melchart vom Klinikum rechts der Isar.

Sie gehen davon aus, dass mit dem Grad der Verdünnung die Wirksamkeit des Mittels steigt. Also das Gegenteil von dem, was man gemeinhin von herkömmlichen Medikamenten erwartet: Sind die Kopfschmerzen heftig, würde man eher eine zweite Tablette nehmen – statt nur eine halbe. Hinzu kommt: Homöopathische Arzneien sind nicht nur ein bisschen verdünnt. Steht auf dem Fläschchen etwa „Calendula D6“, dann heißt das: Ein Tropfen Ringelblumen-Urtinktur wird im Verhältnis 1:10 mit Wasser verdünnt. Davon nimmt man einen Tropfen und wiederholt den Vorgang. Das macht man sechs Mal.

Was wirkt da noch? Allenfalls die Erwartung und die Hoffnung der Patienten, sagen Kritiker. In der Medizin kennt man dieses Phänomen als „Placebo-Effekt“. Gibt man Patienten ein wirkstofffreies Scheinmedikament (Placebo), spüren einige allein dadurch eine Besserung. In Arzneimittel-Studien wird die Wirkung eines Medikaments daher immer mit der von Placebos verglichen. Ärztin Grams sagt: „Homöopathika wirken nicht besser als Placebos. Was auch nicht erstaunlich ist, da es ja nur Zuckerkugeln sind.“

So dachte einst auch Dr. Ulf Riker, 63, der in München praktiziert – und zwar als Internist und Homöopath. „Als junger, angehender Arzt war meine Vorstellung auch die: Wenn da kein Molekül drin ist, kann da auch nichts dran sein. Da kann nichts passieren.“ So dachte er damals. Bis er etwas erlebte, das ihn umdenken ließ. So wurde aus dem Kritiker ein überzeugter Homöopath. Aber dazu später mehr.

Mitte der 90er-Jahre – Riker war da längst Anhänger der Hahnemannschen Lehre – schien man nämlich ganz nah an einem Beweis, dass extreme Verdünnungen wirken. So erzählt es Komplementärmediziner Melchart, der sich viele Jahre intensiv mit der Homöopathie befasst hat. Damals habe man in Studien an Weizensaatgut und Immunzellen Hinweise gefunden, dass ein Stoff, wenn man ihn stark genug verdünnt, den gegenteiligen Effekt erzielen könne, den er in konzentrierter Form hat. Doch: „Auf die Aufbruchstimmung folgte die Ernüchterung“, sagt Melchart. Als man die Versuche wiederholte, kam man zu anderen Ergebnissen. Weitere solide Studien konnten keine nennenswerte Wirkung homöopathischer Arzneien im Vergleich zu Placebos belegen, sagt Melchart. Sein Fazit: „Sie können heute wissenschaftlich weder belegen, dass die Homöopathie wirksam wäre, noch ihre Wirkmechanismen verstehen.“

Wie Homöopathie wirkt – das würde auch Riker gern wissen. Er habe da ein „ganz großes Bedürfnis nach Klärung“, sagt er. Aber er glaubt, dass es durch weitere Forschung möglich werde, das Wirkprinzip eines Tages nachzuweisen. Melcharts Prognose diesbezüglich: „eher ernüchternd“. Wenn in Studien „keine spezifische Wirksamkeit“ gefunden werden konnte, „dann müsse man das auch mal zur Kenntnis nehmen“.

Wo Belege fehlen, verweisen Homöopathen gern auf ihre Erfahrungen. „Ich bin eher der Praktiker“, sagt Riker – und erzählt, wie er zur Homöopathie kam: Als junger Arzt habe er eine Hospitation im Krankenhaus für Naturheilweisen in München gemacht. Sein Chefarzt forderte ihn auf, eine homöopathische Arznei zu probieren. Drei Globuli sollte er auf der Zunge zergehen lassen, den Namen des Mittels erfuhr er nicht. Riker willigte ein, „innerlich lächelnd und gegen meine Überzeugung“. Aber mit der Erwartung, „dass da ja gar nichts passieren könne“. Umso überraschter war er über die Reaktion: „Ich habe angefangen, wie wild zu träumen“, erzählt Riker. Tage später bekam er zudem „starke Gliederschmerzen“. Drei Wochen ging das so. Dann verschwanden die Beschwerden langsam wieder.

Für ihn wurde das Erlebnis zum Wendepunkt: Der Chefarzt legte ihm den Text der „Arzneimittellehre“ vor, die Hahnemann einst zu dem Mittel verfasst hatte: In der Beschreibung fand Riker Teile genau der Symptome wieder, die er erlebt hatte „und das teilweise in wortwörtlicher Rede, so wie ich das ausgedrückt hätte“. Sein Einstieg in die Homöopathie. Denn diese Erfahrung schien die Lehre Hahnemanns zu bestätigen: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.“ Klagt ein Patient beim Homöopathen etwa über Kopfschmerzen, bekommt er ein Mittel, das zuvor an Gesunden getestet worden ist – und bei denen Kopfschmerzen der gleichen Art ausgelöst hat. Vereinfacht gesagt.

In der Praxis ist das komplizierter. Um sich Arzt mit Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ nennen zu dürfen, musste Riker viel lernen: Mehr als 500 Stunden Unterricht, später regelmäßig Supervisionen. Heute ist er Dozent beim Landesverband Bayern des Deutschen Zentralverbandes homöopathischer Ärzte.

Kommt ein Patient zu ihm, stellt er viele Fragen. Ein Beispiel: Wo sitzt der Kopfschmerz, wie fühlt er sich an, wann und wobei lässt er nach? Es geht um Details. Die braucht er, um das richtige Mittel zu finden. So kann eine Erstkonsultation auch ein, zwei Stunden dauern.

Kritiker sagen: Es ist vor allem diese starke Hinwendung zum Patienten, durch die Homöopathie tatsächlich heilen kann. Denn dass diese gar nichts bewirkt – das würden nicht einmal sie behaupten. Doch führen sie die Wirkung auf den Placebo-Effekt zurück – und eben auf das ganze Drumherum. „Es ist keine Frage, dass das Auswirkungen auf den Behandlungserfolg hat“, sagt Kritiker Melchart. „Sonst wäre eine Psychotherapie wirkungslos.“

Er hält trotzdem nichts davon, die Homöopathie pauschal zu verurteilen. Zwar sei die arzneiliche Wirkung nicht belegt. Andererseits habe sich die Homöopathie „eine nicht unerhebliche Praxisrelevanz“ erarbeitet. So könne sie subjektiv sehr wohl die Lebensqualität verbessern, Symptome lindern. Entscheidend sei aber, insbesondere bei ernsten Erkrankungen, dass dadurch keine nachgewiesen wirksame Therapie verzögert werde oder gar unterbleibt.

Das ist auch Riker wichtig. „Ich bin einer, der immer schulmedizinisch und homöopathisch parallel denkt“, sagt er – und findet, dass das sogar sehr gut zusammenpasst. „Ich stelle mir den Patienten gern als Haus mit zwei Türen vor, in dem die Krankheit wohnt“, sagt Riker. „Durch die eine Tür kommt die Schulmedizin und tut, was sie kann. Durch die zweite Tür kommt, auf einer völlig anderen Ebene, die Homöopathie – und, dem Reiz-Reaktions-Prinzip entsprechend, macht auch sie, was sie kann.“

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