Wegweiser durch die Wolken

- Innsbruck, Flughafen: Die Felsen der Nordkette glühen in der Abenddämmerung. Pilot Ingo Sturhan zieht den Schubhebel nach hinten. Die Motoren seiner Dornier 728 heulen auf - die Startbahn liegt unter ihm. Über sattgrünen Bergwiesen und weißen Nebelseen schraubt er sich zwischen den Berggipfeln hindurch, dass dem ungeübten Kopiloten schwindlig wird. "Wohin jetzt, vielleicht Flughafen München?", fragt Sturhan. Ein paar Tastengriffe - und am Horizont ragt der Münchner Tower aus dem Erdinger Moos.

Sitze aus dem LKW, PCs aus dem Großhandel

Das Flugzeug, das in Rekordgeschwindigkeit von einer Stadt zur anderen springt, steht auf dem TU-Campus in Garching, Institut für Luft- und Raumfahrt. Bei seinen Reisen um den Globus bewegt es sich keinen Zentimeter. Computer bringen die Welt zu ihm. "Jeder Quadratmeter Erde ist in einer Datenbank erfasst, durch Satelliten und Luftbildkameras", erklärt Instituts-Mitarbeiter Andreas Jaros. Und tut, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Denn das Besondere an dem Flugsimulator ist nicht die Illusion, wirklich über den Wolken zu kreisen. Das können die beweglichen Simulatoren großer Luftfahrtfirmen viel besser. "Allerdings kosten die auch 35 Millionen Euro", sagt Jaros.

Die Maschine in Garching ist dagegen ein echtes Einzelstück. Eine Sonderanfertigung aus Studentenhand. "Es war nicht schwer, Studenten für so etwas zu begeistern", erzählt Florian Holzapfel lachend. Er war 2002 als Student die treibende Kraft hinter dem Projekt. Etwa 20 Begeisterte steckten monatelang beinahe jede Stunde ihrer Freizeit in den Simulator. "Kein Wochenende gab es eine Pause", erzählt Professor Gottfried Sachs vom Lehrstuhl für Flugmechanik und Flugregelung mit Stolz auf seine Schüler. Die jungen Erbauer schraubten, legten Kabel und entwickelten Computerprogramme. "Da stecken bestimmt 100 Semester und Diplomarbeiten drin", sagt Holzapfel.

Ein Hauptproblem war die Flugsimulation in Echtzeit. Die Verzögerung von Flugsteuerung und Bewegung der Landschaft muss für den Piloten unmerklich sein. Das Problem, dies auf dem Betriebssystem Windows laufen zu lassen, löste Marius Heise, damals Student. Heute verkauft er seine Lösung als Vorstands-Mitglied einer Aktiengesellschaft. Auch andere studentische Problemlösungen erweckten das Interesse der Industrie.

Bei der Planung erwiesen sich die Bastler aber auch als gute Wirtschafter: Die Computer, einfache PCs, stammen aus dem nächstbesten Großhandel, die Steuerhebel aus der Robotertechnik, die Pilotensitze aus einem LKW. "Der billigste Luftfahrtsitz kostet 12 500 Euro", sagt Holzapfel. Das Material für den Garchinger Simulator kostete insgesamt etwa 100 000 Euro - statt einiger Millionen.

Die strengen Anforderungen für die Luftfahrt würde allerdings nur die Cockpit-Hülle bestehen. Ein Kran hievte den 250 Kilo schweren Metallrahmen eines großen Flugzeugherstellers durch eine Öffnung im Dach. Auch kleine Unternehmen unterstützten das Uni-Projekt. Das Ergebnis ist ein Simulator, zugeschnitten auf die Anforderungen der Forscher. Sekundenschnell kann er zum Beispiel von einem Flugzeugtyp auf einen anderen umgestellt werden.

"Unsere Forschung zielt auf die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine", erklärt Jaros. Die Wissenschaftler entwickeln Methoden, um dem Piloten das Fliegen zu erleichtern. Durch einfachere Anzeigen, bessere Steuerungen oder einem "Highway in the Sky", einer Schnellstraße in den Wolken. Mitten in der Berglandschaft zeichnen grüne Linien einen Tunnel in den Himmel. Durch ihn muss der Pilot steuern, um sicher in den nächsten Hafen zu gelangen. In wenigen Jahren soll der Tunnel große Flugzeuge durch die Luft leiten.

Nicht nur die Forschung, auch der Simulator selbst erregte das Interesse von Industrie und Öffentlichkeit. Ein Preis kürte bereits den Einsatz der Studenten, erzählt Holzapfel. "Wir sind nicht nur die Bastelbuam aus München."

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