Im Weltraum streikt die Abwehr

- "Das fühlt sich an, als würde man sitzen und gleichzeitig wird der Stuhl weggezogen", beschreibt Alexander Choukè`r das Gefühl der Schwerelosigkeit an Bord einer A 300. Der Mediziner des Klinikums der Universität München untersucht zusammen mit seinem Kollegen Professor Manfred Thiel bei Parabelflügen die Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem.

"Der Stress für Astronauten ist vergleichbar mit dem, was Patienten in der Intensivstation erfahren", erklärt Thiel sein Forschungsprojekt. Beide, Raumfahrer und Intensivpatienten, können sich kaum bewegen, sind isoliert und werden künstlich ernährt. "Das alles löst Stress aus", sagt der Anästhesist. Und Stress beeinflusst das Immunsystem.

Auch die Astronauten auf der Internationalen Raumstation (ISS) wird Thiel untersuchen. Sechs Monate lang sammeln der deutsche Astronaut Thomas Reiter und andere Bewohner der Weltraum-WG Blut, Urin und Speichel. Die Münchner untersuchen die eingefrorenen Proben dann auf der Erde. Anhand von Hormonen und Immun-Zellen im Blut kann Thiel erkennen, wie die Anspannung auf das Immunsystem wirkt.

Thiels Voruntersuchungen haben ergeben, dass chronischer Stress einen Teil der Immunabwehr aktiviert und den anderen hemmt: Um die Schwerelosigkeit zu simulieren, mussten Probanden 120 Tage mit dem Kopf nach unten geneigt liegen. Sie bildeten mehr Fresszellen. Die Zahl ihrer T-Zellen, die ebenfalls zur Abwehr beitragen, nahm dagegen ab.

Ähnliches erwartet Thiel bei den Astronauten. "Der chronische Stress schwächt." Das kann auf der Intensivstation tödliche Folgen haben. Denn ein schwaches Immunsystem kann sich kaum gegen Keime wehren. Es kommt zu Infektionen.

Eine andere Art von Stress untersuchen Choukèr und Thiel bei den Parabelflügen in Frankreich. Das Flugzeug steigt dabei aus 6000 Metern in steilem Winkel nach oben und stellt am Wendepunkt des Kurven-Fluges seine Triebwerke ab. Dann herrscht einige Sekunden Schwerelosigkeit. Wie ein Stein, der in die Höhe geworfen wird, steigt die Maschine hinauf, bis ihre Schnauze nach unten kippt und sie steil zu Boden saust. Die Passagiere schweben während 22 Sekunden über ihren Sitzen, gehalten nur von Gurten. Wenn der Pilot die Triebwerke im Sturzflug wieder einschaltet, fühlen sie sich fast doppelt so schwer. Es wirkt dann die 1,8-fache Erdanziehungskraft auf sie.

Mit dem Parabelflug ist die Achterbahnfahrt aber nicht vorbei: 30-mal geht es auf und nieder. "Die Passagiere leiden an akutem Stress", sagt Thiel. Messen können die Wissenschaftler das unter anderem am Hormon Cortisol im Speichel.

"Stress hat seine nützliche Bedeutung verloren"

Das Immunsystem der Parabelflug-Passagiere wird im Gegensatz zu den Astronauten aktiver. "Das hatte früher auch mal Sinn", erklärt Thiel. Als Beispiel nennt er einen Steinzeitjäger, dem ein Einhorn eine schwer blutende Bauchwunde zugefügt hat. Das Immunsystem kam dadurch in Schwung und schützte den Verletzten vor Keimen, die in die Wunde drangen. "Stress hat heute seine nützliche Bedeutung verloren", sagt Thiel. Denn wirkt er länger, verschlechtert er die Immunabwehr. Der 47-Jährige will deswegen herausfinden, ob man bei Intensivpatienten mit Medikamenten das Immunsystem ankurbeln kann, um sie vor Infektionen zu schützen.

Bei Parabelflügen untersuchen Forscher, wie Stress auf das Immunsystem wirkt.

Manfred Thiel

Auch das Blut des Astronauten Thomas Reiter auf der Internationalen Raumstation wird untersucht. Fotos: dpa/privat (2)

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