Wenn der Computer zur Sucht wird: Fachleute helfen

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Frankfurt/Main (dpa) - Wenn Inge Geißler ihrem Sohn den Zugang zum Computer kappte, rastete der fast 18-Jährige aus. Der sonst beherrschte Jugendliche zerriss sein Hemd oder warf einen Teller auf den Boden.

Für den Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Wolfgang Schmidt, ein Verhalten, das er von Drogen-, Tabletten- oder Alkoholabhängigen kennt. Das Suchtmittel wegzunehmen "wird als existenziell erlebt und alles mobilisiert, um diesen Zustand zu vermeiden". Weil Computer- und Internetsucht noch wenig erforscht sind, die Anfragen von hilfesuchenden Eltern und Lehrern aber stark zunehmen, hat die HLS mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse (TK) das bundesweit einzigartige Projekt "Netz mit Web-Fehlern?" ins Leben gerufen.

"Wenn einer viel zockt, heißt das noch lange nicht, dass er ein Suchtproblem hat", sagt Projektleiter Thomas Graf. "Schwierig wird es, wenn man damit Probleme im realen Leben bewältigen möchte." Nach dem Motto: "Ich möchte nicht erwachsen werden, ich möchte Kind bleiben und spielen." Besonders anziehend für die - fast immer männlichen - Jugendlichen und jungen Erwachsenen seien Rollenspiele im Internet wie "World of Warcraft". Computersucht sei aber nicht nur "ein Jugend-, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem". Zwanghafte virtuelle Kontaktsuche und Cybersex-Abhängigkeit nennt Schmidt als Beispiele für die Internet-Obsession Erwachsener.

Neun bis zwölf Prozent aller Bundesbürger, die regelmäßig im Internet spielen, seien Schätzungen zufolge süchtig, berichtet Schmidt. Laut anderen Studien sind drei bis vier Prozent aller Internetnutzer betroffen. Maßgebliche repräsentative Untersuchungen fehlten aber noch. Ungeklärt sei bislang auch, welche Therapieform die beste ist. Schmidt sieht Parallelen zur Glücksspielsucht, die erst seit wenigen Jahren als Krankheitsbild anerkannt ist.

Computersucht belaste aber Menschen und mache sie krank, erläutert Nadine Müller von der TK Hessen das Engagement der Krankenkasse. Sie fördert das Projekt zwei Jahre lang, im ersten mit rund 42 000 Euro. Ziel von "Netz mit Web-Fehlern?" ist es, Betroffene und Angehörige zu sensibilisieren und Hilfen bei exzessiver Computer-Nutzung zu bieten. 2008 sind dafür noch rund 15 Medienkompetenz-Seminare vorgesehen. Den Auftakt macht eine Fachtagung am 2. Oktober in Frankfurt. Geplant sind eine Info-Broschüre, Fortbildungen für Suchtberater und der Aufbau der Selbsthilfe für Betroffene und Angehörige.

Viele Jungen spielten bis zum Alter von etwa 16 Jahren recht intensiv, sagt Graf. Wenn die Leidenschaft danach aber nicht allmählich in den Hintergrund trete, sondern stärker werde, könne dies ein Indiz für ein Suchtproblem sein. "Die Betroffenen verbringen regelmäßig viele Stunden am Tag und oft auch in der Nacht mit Spielen und sind bereit, soziale Kontakte, Schule und Beruf völlig zu vernachlässigen", ergänzt Schmidt. Die Jugendlichen seien für Familie und Freunde nicht mehr richtig ansprechbar, nähmen nur selten an den Mahlzeiten teil und vernachlässigten auch die Körperhygiene. Als Warnzeichen nennt der Fachmann Kontrollverlust beim Spielen und Entzugserscheinungen wie etwa Gereiztheit.

Geißler berichtet aus ihrer Selbsthilfegruppe für Angehörige in Südhessen, dass oft jüngere Geschwister betroffen seien, meist intelligente Jungen, die aber schon als Kind soziale Schwierigkeiten hatten, besonders schüchtern, ängstlich oder depressiv waren. Ihr eigener Sohn habe damals die Schule geschmissen und etwa ein Jahr lang nur zu Hause gesessen und gespielt. "Das war ein absoluter Realitätsverlust, er lebte gar nicht mehr im Hier und Jetzt." Ein Treffen mit am gleichen Internetspiel Interessierten half ihm schließlich beim Ausstieg. Er verliebte sich, zog zu dem Mädchen und entwickelte wieder andere Interessen. "Heute spielt er zwar immer noch viel, aber er hat andere Dinge im Kopf, die ihm wichtig sind, und eine Perspektive."

"Wir müssen den Kindern helfen, Normalität im Umgang mit Medien zu erreichen", betont Graf. Medienpädagogik werde in Schule und Jugendarbeit zu klein geschrieben. Viele Eltern seien angesichts der rasanten technischen Entwicklung überfordert. "Mich hat der Computer glattweg überrollt", erinnert sich Geißler.

www.hls-online.org/onlinesucht.html

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