Lieferwagen rast in Menschenmenge in Barcelona - Mehrere Verletzte

Lieferwagen rast in Menschenmenge in Barcelona - Mehrere Verletzte

Wenn Einsamkeit endet, kehrt Lebenslust zurück

- Ich kann nicht mehr! Wie ein Kreisel drehen sich diese Worte in ihrem Kopf: Schwer auf den Laufwagen gestützt, schleppt sich Agnes L. (N. geänd.) durch den Alltag. Einen Alltag voller Schmerzen, Scham und Trauer. Schmerzen in der Hüfte, Scham über ihre Inkontinenz und Trauer über den verstorbenen Ehemann.

Die 82-jährige, einst so lebenslustige und attraktive Angestellte kapselt sich, unbemerkt von ihrem Umfeld, immer mehr ab, isst und trinkt kaum noch und starrt stundenlang aus dem Fenster in den Herbstwald. Dann steht ihr Entschluss fest! Ein plötzlicher Stimmungswandel? Die Münchnerin ordnet gelassen und wie befreit wirkend ihre Unterlagen, verschenkt die wenigen Habseligkeiten und schreibt ihren Töchtern einen Brief: Ich kann nicht mehr! Als diese bestürzt diesen Satz lesen, ist ihre Mutter bereits tot. Diagnose: Suizid durch Tabletten.

Tragische Schicksale hinter nüchternen Zahlen Der tragische Einzelfall einer vereinsamten Mitbürgerin? Nein. Alle zwei Stunden stirbt ein Mensch über 60 Jahre durch eigene Hand. Nehmen sich nach der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention hierzulande jährlich mehr als 11 000 Personen das Leben, sind unter ihnen 40 Prozent 60 Jahre und älter. Welch tragische Schicksale verbergen sich hinter diesem nüchternen Zahlenwerk? In der Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen kommen bei Frauen 15 Selbstmorde auf 100 000 Einwohner, bei Männern schon 25. Sind Frauen zwischen 70 und 80 Jahre alt, bringen sich 25 darunter um, von den gleichaltrigen Männern bereits 70. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer allerdings bedeutend höher ist. Allein gelassen und überfordert Traurige Rekorde, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Doch der stille Tod in der Generation 60 plus wird von der Foreveryoung- Generation kaum wahrgenommen.

Wer hat schon Zeit, sich in einer von Jugend- und Schönheitwahn dominierten Welt um hilfsbedürftige Alte zu sorgen? Was können die überhaupt noch vom Leben erwarten, mag sich einer insgeheim fragen? Ja, erscheint der Selbstmord einer in die Jahre gekommenen Person nicht sowieso irgendwie verständlich? Ein hässlicher Gedanke. Noch ist der Alterssuizid ein Tabu- Thema, jedoch seit langem bekannt, wie Diplom-Psychologe Georg Fiedler, stellvertretender Leiter des Therapie-Zentrums für Suizidgefährdete (TZS), feststellt. Doch welche Auslöser hat dieses traurige Phänomen? Nach den Mitarbeitern des Diakoniewerks Essen geraten betagte Menschen gehäuft in Situationen, die sie überfordern. Das können der Tod des Partners sein, Streitigkeiten innerhalb der Familie, der Umzug ins Altenheim oder Isolation und Einsamkeit. Allesamt Gründe für eine Depression, welche wiederum zum Suizid führen kann. Nach Dr. Claus Wächtler vom Zentrum für Ältere im Klinikum Nord sind knapp 24 Prozent der über 65-Jährigen eindeutig psychisch krank: Depressionen stellen dabei die häufigste psychische Störung im Alter dar. Depressionen sind aber auch nach den Ergebnissen einer WHO-Studie in den entwickelten Ländern die Volkskrankheit Nr. 1. Kommt wie bei Frau L. noch eine fortschreitende körperliche Erkrankung hinzu, ist der Schritt in den Freitod näher gerückt.

Aus tiefenpsychologischer Sicht, so der österreichische Psychologe Rainer Gartlehner, ist der Altersselbstmord aus einer "narzisstischen" Kränkung, einer extremen Bedrohung des Selbstwertgefühls zu sehen, zu deren Abwehr alle bisherigen Schutzmechanismen versagt haben. Wie bei Josef B. (N. geänd.). Rekonstruieren wir einen Tag aus dem Leben des 75-Jährigen: Seit dem Tod seiner Frau lebt er in einem kleinen Dorf. Kontakt zu Nachbarn oder Kollegen aus seiner Zeit als Angestellter eines Sägewerks? Fehlanzeige: Nach einem Schlaganfall hat er Probleme beim Sprechen und Gehen. In Herbst fühlt er die Einsamkeit besonders stark. Die Tage sind dunkel. Was wird erst im Winter aus ihm? Er humpelt in die Garage, setzt sich in seinen Jetta und leitet die Auspuffgase ins Wageninnere. Der Briefträger findet ihn -ohnmächtig -auf. Laut WHO-Statistik überleben vermutlich insgesamt über 100 000 Personen den Freitod. Oft mit schweren Verletzungen und nachhaltig gesundheitlich geschädigt.

Warnzeichen beachten und ernst nehmen Im Suizid gewinnt der durch das Altern gedemütigte Mensch die Kontrolle über sich selbst zurück, folgert Gartlehner. Nach Expertenansicht durchläuft der Gefährdete drei Stadien: Er erwägt den Selbstmord und deutet ihn sogar offen an, ist sich aber in Phase 2 noch nicht schlüssig, ob er leben oder sterben will. Ruhe vor dem Sturm heißt im Fachbegriff die letzte Phase: Da wird der Tod vorbereitet, in der Regel nicht mehr über das Vorhaben gesprochen -und durchgeführt. Fragen wir nach, welche Hilferufe ein vom Leben ermüdeter Mensch einem aufmerksamen Beobachter zuspielen kann. Experten unterscheiden zwischen verbaler und nonverbaler Natur. Da sind Aussagen wie "Es hat alles keinen Sinn mehr oder ich glaube, ich mache all dem ein Ende" ebenso große Warnzeichen wie eine deprimierte und verschlossene Art. Auch leichtsinniges Verhalten, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Weinen, Schlaflosigkeit oder plötzliche Fröhlichkeit nach einer depressiven Phase sind Warnzeichen. Betroffene wollen über Gefühle reden Doch wie reagiert man auf diese Anzeichen?

Beim Verdacht einer Selbstmordgefährdung offen darauf ansprechen, rät der Augsburger Neurologe Dr. Uwe Blaettner: Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen? Reagiert der Betroffene eigenartig oder ertappt, sollte man ihn zum Hausarzt, Psychiater oder Neurologen schicken, im besten Fall begleiten. Es ist nicht so, dass die Betroffenen dann erst recht Schluss machen. Im Gegenteil: Die meisten Selbstmordgefährdeten wollen über ihre Gefühle reden, berichtet Georg Fiedler vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm im dpa-Gespräch. Es gebe Untersuchungen, denen zufolge die Mehrzahl der Selbstmordgefährdeten wenige Wochen vor ihrer Tat einen Arzt aufsuchen: Die Betroffenen trauen sich aber nicht, ihre Lage offen zu beschreiben. Meist werden nur unbestimmte Beschwerden und Mattigkeit genannt, so der Psychologe im Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Deshalb sein Appell an Ärzte und Altenpfleger, auf Zeichen depressiver Verstimmung zu achten.

Doch was kann man als Angehöriger tun? Nach dem Diakoniewerk Essen suchen Suizid- Gefährdete jemanden, der sich Zeit nimmt und ihnen wirklich zuhört. Jemand, der nicht gleich (be)urteilt, Ratschläge gibt, sondern ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Kurz eine Person, der sie vertrauen können: Du bist mir nicht egal ist das wichtigste Gefühl, nach dem ein lebensmüder Mensch verlangt, und zu wissen, jemanden zu haben, der für ihn da ist. Ein Großteil der Suizide könnte verhindert werden, wenn die Depression frühzeitiger und fachkundig behandelt würde, schreibt das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt vom Januar 2006. Doch wie die WHO festgestellt hat, erhalten nur etwa 10 Prozent der behandlungsbedürftigen Patienten eine ausreichende Therapie. Nach dem Hamburger Suizidbericht können Hausärzte eine entscheidende Rolle spielen, haben doch bevorzugt alte Menschen durch ihre chronischen Krankheiten häufiger Kontakt zu ihnen.

Der depressive Ältere benötigt ein Gespräch, das auf seine ihn belastenden Probleme eingeht und das weitere therapeutische Maßnahmen anbahnt und/oder Psychopharmaka einsetzt. Auch im Alter sind Prävention, Krisenhilfe, Therapie und Leidensminderung möglich, beruhigt Thomas Giernalczyk, Honorarprofessor für psychologisch-therapeutische Interventionen an der Universität der Bundeswehr Neubiberg.

Herr B. übrigens hat wieder Lebensfreude gewonnen: Er nimmt Antidepressiva und ist ins Altenheim gezogen. Dort hat er ein ganz besonders offenes Ohr für diejenigen Mitbewohner, denen das Alter über den Kopf zu wachsen droht. Der Tod kommt noch früh genug, lächelt er fein. 

Die ARCHE Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e.V. Tel.: 089 / 33 40 41 www.die-arche.de a Telefon-Seelsorge 0800-111 0 111

Die Broschüre Suizidprävention im Alter ist kostenlos beziehbar beim Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09, 18132 Rostock.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nokia 8: Neues Android-Flaggschiff mit Zeiss-Optik
Nokia bringt ein Oberklasse-Smartphone auf den Markt. Im September wird das Nokia 8 erhältlich sein. Vor allem bei den Kameras trumpft Nokia auf. Nicht nur, weil das …
Nokia 8: Neues Android-Flaggschiff mit Zeiss-Optik
App-Charts: Mit Serien und Filmen durch die Regentage
Das schlechte Wetter der vergangenen Tage schlägt sich in den App-Charts nieder. So stehen neben lehrreichen Programmen ganz besonders Video- und Streaming-Apps ganz …
App-Charts: Mit Serien und Filmen durch die Regentage
Was passiert nach meinem Tod? So verwalten Sie den digitalen Nachlass bei Facebook
Menlo Park - Was passiert nach dem Tod eines Nutzers mit seinem Facebook-Konto? Das soziale Netzwerk bietet zwei Möglichkeiten, den digitalen Nachlass zu regeln.
Was passiert nach meinem Tod? So verwalten Sie den digitalen Nachlass bei Facebook
Achtung Vorgänger: Bei Technik-Schnäppchen Modelljahr prüfen
Die Freude ist zunächst groß: Das neue iPad kostete viel weniger als gedacht. Doch dann die Ernüchterung: Es handelt sich gar nicht um das aktuelle Modell, sondern um …
Achtung Vorgänger: Bei Technik-Schnäppchen Modelljahr prüfen

Kommentare