Wenn Gelähmte wieder gehen lernen

- Wenn sie will, steht Sabine Kaiser auf, geht ein paar Schritte vom Wohnzimmer auf den Balkon und sieht sich von dort aus die Welt von oben an. "Eine andere Perspektive einnehmen", nennt sie das. Sabine Kaiser sitzt im Rollstuhl.

<P>Dass die 36-Jährige die Grenzen ihrer Querschnittlähmung für kurze Zeit überwinden kann, verdankt sie harter Arbeit und der Funktionellen Elektrostimulation (FES). Seit 1998 nimmt Kaiser an Studien der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München teil. Ein Team aus Fachärzten und Ingenieuren untersucht dort an Patienten, inwieweit sich gelähmte Muskeln mit Stromstößen wieder zum Bewegen bringen lassen. </P><P>Heute Nachmittag steht im Forschungslabor in Großhadern Fahrradfahren auf dem Programm. Sabine Kaiser ist extra aus Schongau angereist. Zum Training hievt sie sich nun auf ein Spezial-Ergometer und fixiert ihre Füße und Fußgelenke in Spezial-Halterungen auf den Pedalen, damit sie während der Bewegung nicht herausrutschen. Sie klebt sich sechs handtellergroße Elektroden vorne und hinten auf den Oberschenkel und verbindet sie mit Kabeln mit einem Stimulator. </P><P>Dieses Gerät im Handtaschenformat spult dann ein Computerprogramm herunter ("Beugen - Strecken - Beugen") und liefert auch den Strom zu dessen Ausführung. Und Sabine Kaisers Beine, die sie selbst nicht mehr spürt, bewegen sich wieder mit ihrer eigenen Muskelkraft. Wie schnell, das kann sie sehen - und dementsprechend mit Gas und Bremse am Fahrradlenker die Stromzufuhr regulieren. Schaltzentrale bleibt aber der Computer, der beispielsweise überprüft, in welchem Winkel sich die Beine gerade befinden, und seine Befehle dieser Lage anpasst. </P><P>Würde Sabine Kaiser ihre Beine nicht sehen - sie hätte kaum eine Ahnung von ihrer Bewegung. Sind die Muskeln aber erschöpft, hilft kein noch so starker Stromstoß mehr: Die Beine verweigern jede weitere Bewegung. Wie beim Gesunden ist der Akku einfach leer. </P><P>Diese Art der Muskel-Stimulation funktioniert dank einer einfachen Tatsache: Bei einer Querschnittlähmung bleiben die unteren Extremitäten intakt. "Muskeln, Sehnen, Nerven - das alles ist ja trotz Lähmung immer noch vorhanden", verdeutlicht Dr. Martin Fiegel, Mitglied des Teams. Jede Bewegung könnte also funktionieren - nur erreicht diese Nachricht des Gehirns die Beine nicht mehr. Denn bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark schwer beschädigt oder gar durchtrennt. </P><P>Eine unüberwindliche Barriere für die Nervenimpulse von oben nach unten. Weil auch die Medizin heute noch keine Methode kennt, um diese Barriere zu überbrücken, übernimmt bei der FES der Stimulator die Aufgaben des Gehirns, die Kabel ersetzen Nervenbahnen. Wunder vollbringen können die Neurologen mit der Methode aber nicht: Ein paar roboterhafte Schritte sind nach intensivem Training wieder möglich, ein, zwei Kilometer langsam radeln auf einem Spezialfahrrad. </P><P>Kein Patient verlässt das Forschungslabor geheilt. Was er aber mitnimmt, ist ein großes Plus an Lebensqualität. Wie beim wöchentlichen Dauerlauf des Gesunden, kurbelt die FES beim Gelähmten den gesamten Blutkreislauf an. "Radfahren entstresst und powert aus", bestätigt Sabine Kaiser. Wäre sie mit einem Handbike unterwegs - bei dem die Arme statt der Beine die Pedale bedienen -, hätte sie dieses Erlebnis nur begrenzt: Denn immer käme nur der halbe halbe Körper so richtig in Schwung. </P><P>"Es gibt keine Alternative zu unserer Therapie", sagt denn auch der Forschungsleiter und Chef der Neurologischen Klinik, Professor Thomas Brandt. "Sie hält nicht nur fit, sondern verhindert auch Druckgeschwüre und beugt dem Abbau von Muskeln und Nervenbahnen vor." Dieser Schwund ist besonders gefährlich: Wird ein gelähmter Muskel nicht mehr trainiert, baut er ab. Empfangen Nervenbahnen an den Muskeln keine Impulse mehr, degenerieren sie. Das Ergebnis sind steckerldünne Beine und eine so genannte schlaffe Lähmung. "Da können Sie dann so viel Strom reinschießen, wie Sie wollen - da bewegt sich nichts mehr", erklärt Fiegel. </P><P>Das bedeutet: Auch wenn Heilung irgendwann möglich wäre, nutzt das diesem Patienten nichts mehr. Seine reduzierten Beine sind nicht mehr funktionsunfähig, er selbst bleibt im Rollstuhl. </P><P>Damit es so weit bei keinem querschnittgelähmten Patienten kommt, möchte das Münchner Forscherteam seine Erkenntnisse in die Praxis tragen. Im Moment noch reines Wunschdenken: Kein Hersteller fabriziert Spezial-Ergometer oder -Fahrräder in Serie. Die Forscher basteln selbst an ihren Unikaten. Die 3500 Euro für ein Trainingsgerät übernimmt keine keine Krankenkasse. Auch mit der Forschung könnte jederzeit Schluss sein: Noch fehlt ein Sponsor für die nächsten Jahre. </P><P>Vielen Patienten wird es daher wohl versagt bleiben, einmal wieder das zu erleben, wofür sich nach Aussage der Beteiligten fast jeder Trainingsaufwand lohnt: Zum ersten Mal zu sehen, dass sich die gelähmten Beine für eine kurze Zeit wieder bewegen. "Aus unserer Perspektive ist das wenig", sagt Fiegel. "Aber für den Gelähmten ist es enorm viel." </P>

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