Wenn Stühle sich in Luft auflösen

- Der lästige Weg zum Wertstoffhof hat sich erübrigt: Wer alte Kunststoffteile hat, löst sie in Zukunft einfach in Luft auf. Und schon ist das ganze Müllproblem rückstandsfrei beseitigt. Pure Fantasterei? Nicht ganz, wie der Blick auf die aktuelle Katalyseforschung zeigt. Das Forschungsfeld dieser Disziplin erscheint zunächst recht farblos. Denn grundsätzlich wirkt ein Katalysator nicht anders als ein Enzym.

<P>Genauso wie diese Eiweiße im Körper Stoffe spalten oder verändern und so den Stoffwechsel auf Touren halten, ermöglicht er bestimmte chemische Reaktionen. Das Wichtige daran: Der Katalysator selbst wird nicht verändert, während er bis zu einer Million Mal dieselben Reaktionen zum Laufen bringt. Und dadurch etwa einen Stuhl aus bestimmten Kunststoffen wie beispielsweise Polylactid (Polymilchsäure) in flüchtige Gase spaltet.</P><P>So profan die Eigenschaften eines Katalysators auch sind: Sie eröffnen ungeahnte Möglichkeiten. "Denn schließlich", so Professor Wolfgang A. Herrmann von der Technischen Universität München, "setzt sich die gesamte stoffliche Welt aus chemischen Prozessen zusammen." Die logische Schlussfolgerung aus dieser Tatsache: Jedes wie auch immer geartete Produkt könnte letztendlich mittels einer einfachen Katalyse hergestellt werden. Umweltschonend, kostengünstig und praktisch unbegrenzt.<BR><BR>Auf dem Weg zur schönen neuen Welt der Katalyse gibt es nur ein Hindernis: Die meisten natürlichen chemischen Prozesse haben alles andere als ein festes Ziel. Meistens entsteht aus ihnen eine Vielzahl von Produkten - die meisten von ihnen Abfallstoffe und wirtschaftlich völlig uninteressant. Spezifische Katalysatoren zu finden, die koordinierte Prozesse mit nur einem Zielprodukt ermöglichen, gehört daher zur hohen Schule der Katalyseforschung.<BR><BR>Ist der Verwandlungskünstler erst einmal gefunden, erspart er im Regelfall seinen Nutzern eine Menge Geld. Bestes Beispiel sind die Arbeiten des japanischen Forschers Ryoij Noyori. Sie brachten ihm nicht nur den Nobelpreis ein, sondern lieferten auch einen entscheidenden Beitrag zur katalytischen Herstellung von Menthol. Da es weltweit nur geringe Vorkommen an natürlichem (linksdrehendem) Menthol gibt, wurde diese Entdeckung zum wirtschaftlichen Erfolgsmodell. Inzwischen hat das katalytisch aus einem billigen Rohstoff hergestellte Menthol mehr als 50 Prozent des Weltmarkts erobert, so Experten-Schätzungen. Gleichzeitig schont das Verfahren die Umwelt. "Grüne Chemie" nennt Noyori daher auch als Ziel der Katalyseforschung.<BR><BR>Die Visionen der Forscher gehen entsprechend weit. Herrmann, gleichzeitig Sprecher des Bayerischen Forschungsverbunds Katalyse (FORKAT), träumt etwa von genetisch veränderten, schnell wachsenden Pflanzen, die in hoher Konzentration Rohstoffe für die Katalyse liefern. "Von der Natur lernen", lautet sein Prinzip - schließlich finden in jedem Organismus permanent bio-katalytische Prozesse statt. Erste Schritte hin zu diesem fernen Ziel unternimmt bereits ein interdisziplinäres Forscherteam in Straubing.<BR></P>

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