Wenn Tomatensaft das Blut verdünnt

- Wenn jemand eine Arznei einnimmt und Grapefruit-Saft dazu trinkt, kann sich die Wirkung des Medikaments um das Dreifache steigern. Auch Orangen können den Effekt eines Medikamentes um 75 Prozent erhöhen. Nach einer vor kurzem veröffentlichten australischen Studie verstärkt Tomatensaft bei Diabetikern die blutverdünnende Wirkung von Aspirin. Der Genuss von Knoblauch, Bienenhonig oder gegrilltem Fleisch kann den Arzneiblutspiegel dagegen senken. Obwohl schon länger bekannt ist, dass Lebensmittel Medikamente beeinflussen können, wurden alle theoretisch wichtigen Wechselwirkungen bei weitem noch nicht untersucht. Zurzeit stützt sich die Forschung darauf, Interaktionen mit pflanzlichen Arzneien (Phytopharmaka) nachzuweisen.

<P>Mittlerweile wird für etwa 150 Phytopharmaka vermutet, andere Präparate zu beeinflussen. "Mögliche Wechselwirkungen mit Lebensmitteln vernachlässigt die Arzneimittelforschung", erklärt der Internist und Biochemiker Prof. Volker Schulz von der Freien Universität Berlin. Die bisherigen Erkenntnisse beruhten meist auf zufälligen Beobachtungen. Eine Systematik lasse sich in der Forschung nicht erkennen. Wenn pflanzliche Substanzen Medikamente beeinflussen, dann bedeutet das nicht, dass sie giftig sind. "Im Gegenteil: Nahrungsmittel, die Wechselwirkungen mit Arzneien eingehen, sind oft besonders gesund", so Schulz.</P><P>Phytopharmaka und Lebenmittel können Aufnahme und Abbau von Medikamenten verändern. Manche pflanzlichen Bestandteile beeinflussen das Eiweiß P-Glykoprotein, das im Darm dafür sorgt, dass nicht zu viele Stoffe in den Blutkreislauf gelangen. Andere erhöhen oder erniedrigen die Aktivität des Enzyms Cytochrom-P-450, das Substanzen in der Leber abbaut. Ein besonderes Risiko besteht für Medikamente, die bei erhöhter Konzentration erhebliche Nebenwirkungen zur Folge haben. Dazu gehören Substanzen, die das Immunsystem dämpfen, wie Ciclosporin, und Gerinnungshemmer, zum Beispiel Phenprocoumon (Marcu- mar).</P><P>Schulz: "Die Medikamentenhersteller haben die Pflicht, etwa ein Dutzend derartiger Arzneien systematisch auf Wechselwirkungen mit wichtigen Lebensmitteln zu untersuchen." Stefan Endres, Leiter der Abteilung für Klinische Pharmakologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Klinikum Innenstadt, sieht spezielle Probleme in der Lebensmittelforschung: "Da sich unsere Nahrung aus so unterschiedlichen Bestandteilen zusammensetzt, lässt sich ihr Einfluss auf Medikamente oft nur schwer in klinischen Studien bestimmen."</P><P>Manche Forschungsergebnisse seien daher im Labor bestimmt worden und könnten nicht uneingeschränkt auf Patienten übertragen werden. Professor Franz Bernhard Hofmann, Direktor des Instituts für Pharmakologie der Technischen Universität München, mahnt vor übertriebener Panik: "Wenn man sich ausgewogen ernährt, ist der Einfluss einzelner Nahrungsbestandteile auf Medikamente gering." Auf keinen Fall sollten sich jedoch Patienten, die bestimmte Arzneimittel einnehmen, einseitig ernähren, zum Beispiel ausschließlich grünes Gemüse essen. Im Zweifelsfall sollten sie unbedingt ihren Arzt um Rat fragen. </P>

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