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Schnelle Finger: Andreas Kiening hat schon fast 72 000 Nachrichten über WhatsApp verschickt. Andere schaffen noch viel mehr.

Über 300 Millionen Kurz-Botschafter

WhatsApp: Ein Nachrichtendienst erobert die Welt

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    Philipp Vetter
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München - In jeder freien Sekunde tippen Jugendliche auf ihren Handys herum. Was machen die da? Die Antwort heißt WhatsApp, ein Nachrichtendienst, der die Welt erobert. Eine Erfolgsgeschichte mit Suchtfaktor.

Der Daumen von Andreas Kienings linker Hand steckt in einer blauen Schiene. „Volleyballunfall – hat nix mit WhatsApp zu tun“, sagt er und lacht. WhatsApp, das ist ein Programm auf dem Handy des 22-Jährigen. Wie sollte man sich daran verletzen? Es könnte eine Sehnenscheidenentzündung vom vielen Tippen sein: 71 893 Nachrichten hat Kiening bereits über WhatsApp verschickt – in nur knapp zwei Jahren. Pro Tag sind das etwa hundert Mitteilungen, die der angehende Verlagskaufmann von seinem iPhone an Freunde sendet – und zwar nicht per SMS. Normalerweise schreibt er im „Doppel-Daumen-System“, das geht am schnellsten, erzählt er. Wenn nur der Volleyballunfall nicht gewesen wäre.

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WhatsApp: Eine sichere Alternative im Test

Ist Kiening besonders mitteilsam? Telefonieren würde er nicht so viel, sagt er, ein sportlicher Typ mit dunklen Augen. Weil man da immer gleich was sagen muss. Bei WhatsApp könne man einfach dann schreiben, „wenn einem etwas einfällt“. Kiening fällt viel ein, deshalb ist das Smartphone sein ständiger Begleiter. Alle zehn Minuten meldet es sich im Schnitt, manchmal öfter. „Ich hab da so Stoßzeiten“, sagt er. Morgens, mittags – und abends: „Da versend’ ich die ganzen ,Gute-Nacht‘-Nachrichten.“ Dann legt er sein Smartphone gar nicht mehr aus der Hand – es vibriert ohnehin alle paar Sekunden.

Wie muss das erst bei Carla Seemann sein? 99 281 Nachrichten hat sie schon verschickt. 16 Jahre ist sie alt, mit ihren langen dunklen Haaren und ihrem Lächeln wirkt sie älter. Wie bei vielen Teenagern ist ihr Smartphone rund um die Uhr angeschaltet, bei WhatsApp ist sie fast immer online. Carla mag es, immer erreichbar zu sein. Weil man so „nah an seinen Kontakten ist“. Ihre Freunde sind alle dabei. Mit ihnen schreibt Carla direkt oder in einem ihrer Gruppenchats – digitale Gesprächsrunden, in denen sich mehrere Nutzer gleichzeitig Nachrichten schreiben können. Eine Konferenzschalte, nur schriftlich.

Wie Carla Seemann und Andreas Kiening geht es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In jeder freien Sekunde wandert der Blick aufs Handy. Keine App, so heißen die kleinen Programme für das Smartphone, ist so erfolgreich wie WhatsApp. Mehr als 20 Millionen Nutzer gibt es laut den Betreibern allein in Deutschland, weltweit inzwischen mehr als 300 Millionen. Und die Zahl steigt rasant. 91 Prozent aller deutschen Smartphone-Nutzer haben WhatsApp installiert – in Spanien sind es sogar 99 Prozent. Mehr als 30 Milliarden Nachrichten verschicken die Nutzer – pro Tag. Im Gegensatz zu Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter schreibt man in der Regel nicht an den gesamten Freundeskreis, sondern an einzelne Bekannte. Wer mit jemandem in Kontakt treten will, braucht vorher dessen Handy-Nummer.

Die Nutzer fasziniert vor allem, dass die Nachrichtenflut kostenlos ist. 99 000 SMS hätten früher bis zu 20 000 Euro gekostet, so viele Fotonachrichten („MMS“) weit über 100 000 Euro. Nun muss man nur die Internet-Flatrate bezahlen – und WhatsApp kaufen. Im Gegensatz zu vielen anderen Apps macht WhatsApp keine Werbung, verlangt aber von fast allen Nutzern eine kleine Gebühr. Für 89 Cent im Jahr kann man dann so viele Nachrichten per WhatsApp verschicken, wie man möchte, die einzelnen Mitteilungen kosten nichts.

Früher hatte Kiening eine Prepaid-Karte, SMS schrieb er nur selten. Weil jede Nachricht das Guthaben ein bisschen schrumpfen ließ. Mit WhatsApp ist das Vergangenheit: Er schickt Bilder, Audionachrichten, teilweise auch seinen aktuellen Standort über das Programm: „Das ist praktisch, wenn man verabredet ist. Dann wissen die Leute, wo ich bin und können abschätzen, wie lange ich noch brauche.“ Und es gibt noch einen Unterschied zur klassischen SMS: Man kann sehen, ob eine Nachricht angekommen ist und gelesen wurde, wann der Empfänger zum letzten Mal das Programm aufgerufen hat. Das kann zu regelrechten Dramen führen, wenn der neue Schwarm einfach nicht antwortet – obwohl er die Nachricht doch längst gelesen hat.

Meist verschicken die Teenager aber Banales: Ein Gute-Nacht-Gruß hier, ein Smiley da. Niemand kann zehntausende bedeutungsschwere Mitteilungen verfassen. Kiening schreibt, wie die Arbeit läuft, was man abends unternehmen könnte oder einfach nur „stupide Sachen“, sagt er. Lang sind die Nachrichten selten, meist nur einzelne Sätze, manchmal nur ein Wort. Er tippt sie blind – auf einem iPhone, bei dem es keine mechanischen Tasten, sondern nur eine virtuelle Tastatur auf dem Touchscreen-Monitor gibt.

Was ihre Kinder so an WhatsApp fasziniert, können die Eltern von Carla Seemann und Andreas Kiening nur teilweise nachvollziehen. Carlas Eltern haben zwar WhatsApp, „aber die schreiben nur mit mir“, sagt sie. Bei Kiening gibt es zuhause eine Handygarderobe, dort muss jeder sein Telefon ablegen, damit bei Tisch das Tippen keine Chance hat. Mit den Großeltern ist es noch schwieriger. Carla war neulich mit ihrem Opa im Urlaub: „Wenn ich das Handy angerührt habe, ist der total ausgeflippt“, erinnert sie sich.

Dass inzwischen alle nur noch auf ihre Handys schauen, ist Kiening auch schon aufgefallen. Im Zug, im Hörsaal, im Restaurant – alles tippt. Verteufeln will er das nicht: „Früher hat man nach dem Essen eben die Zigarette danach geraucht, jetzt ist das eben das Handy danach.“ Nur manchmal, da braucht selbst er eine digitale Auszeit. Beim Weggehen zum Beispiel. Dann kommt es schon mal vor, dass alle Freunde am Tisch ihre Handys auf einen Haufen schmeißen müssen – wer als erstes danach greift, muss die nächste Runde bezahlen. „Bislang konnten sich aber alle zusammenreißen.“

Dass Kommunikation non-stop auch Schattenseiten hat, hat Carla voriges Jahr erlebt. Da hat sie in der Schule gerne mal unter dem Tisch getippt. Vom Unterricht bekam sie wenig mit, die Noten litten. Seitdem reißt sie sich zusammen – und verlagert das Schreiben auf die Pausen.

Längst nutzen nicht mehr nur Teenies WhatsApp – sogar Spitzenpolitiker haben das Programm auf ihren Handys. „Grandma is up!“, schreibt Christa Stewens in ihrer Status-Meldung: Oma ist wach. Mit den Statusmeldungen kann man seinen Kontakten mitteilen, ob man erreichbar oder beschäftigt ist, wie die eigene Gefühlslage ist oder was einen sonst so umtreibt. Stewens’ Enkel hatten den Wunsch, sie unkomplizierter zu erreichen, auch mit Bildern und Videos, erzählt die 67-jährige CSU-Fraktionschefin: „Ihr Handybudget ist begrenzt.“

SPD-Chef Florian Pronold vermeldet als Status ein gequältes „Passt scho“. Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein ist auch bei Whats-App, sein Profil ziert ein selbstgeschossenes Porträtfoto mit dem halben Wohnzimmer im Hintergrund. Und sogar Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich tippt fröhlich mit. Das ist besonders lustig, weil ihm das strenge Bundeskriminalamt eigentlich vorschreiben wollte, seine privaten Handys nicht mehr zu nutzen – sondern nur das dienstliche, verschlüsselte Kryptophon. Friedrich ist das egal, er hat jetzt eben drei Handys. Und als Whatsapp-Profilbild übrigens einen fetten schwarzen Kater, im Waschbecken sitzend.

Die mangelnde Datensicherheit ist ein häufiger Kritikpunkt. Carla interessiert das nicht: „Ich mach mir da keinen Kopf.“ Natürlich fände sie es nicht schön, wenn jemand ihre Gespräche mitliest. Aber machen könne man dagegen ohnehin nichts – außer ganz auf WhatsApp verzichten. Für sie kein Thema.

Carla Seemann

Dass vielen Nutzern das Programm so wichtig ist, dass sie selbst über Sicherheitsbedenken hinwegsehen, macht WhatsApp sehr wertvoll. Mehrfach wurde schon spekuliert, Facebook oder Google könnten den Dienst schlucken. Möglicher Preis: Mehr als eine Milliarde Dollar. Das Geld würden zu großen Teilen die beiden Gründer Jan Koun und Brian Acton bekommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Internetfirmen sind die Gründer keine College-Kids, die ihre App im Wohnheim programmiert haben. Acton und Koun kennen sich vom Internetunternehmen Yahoo, wo sie lange arbeiteten, bevor sie sich 2009 mit WhatsApp selbstständig machten. Beide sind extrem verschwiegen, geben selten Interviews, auch gegenüber unserer Zeitung war niemand bei WhatsApp bereit, Fragen zu beantworten. So bleibt offen, was die beiden Gründer in Zukunft mit dem Dienst vorhaben.

Wenn es WhatsApp nicht mehr geben würde, wäre das für Carla „eine Megaveränderung“. Dann hätte sie auf einmal viel mehr Zeit, sagt sie. Über hundert Nachrichten pro Tag müssen ja erst einmal getippt werden. Alice Springfeld hat diese Zeit seit einem Jahr wieder. Damals hat sich die 20-Jährige von WhatsApp abgemeldet. Ein Jahr lang war sie dabei, ihr Handy vibrierte pausenlos. „Ich war ständig abgelenkt“, sagt sie. Als es Ärger beim Aktualisieren des Programms gab, ließ sie es einfach ganz bleiben.

Am Anfang war der Verzicht nicht einfach: „Wenn man kein WhatsApp hat, dann ist man schnell ein Außenseiter“, sagt sie. Vieles habe sie nicht mehr mitbekommen. Besonders wichtig war es aber wohl nicht. Das meiste, was sie sich mit ihren Freunden schrieb, nennt sie heute: „Schwachsinn“.

S. Anfang, P. Vetter und C. Deutschländer

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