"Wir Blinde können die Wände hören"

- Fast 100 000 Studierende strömen jeden Tag (außer in den Semesterferien) in die Hörsäle, Übungsräume und Labors der Hochschulen im Großraum München. Wir haben einigen Studentinnen und Studenten an einem Tag über die Schulter geschaut, um ihren Studienweg und den Arbeitsplatz aus ihrer ganz persönlichen Perspektive mitzuerleben. Heute: Verena Bentele (22), Germanistik-Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

<P align=right></P><P align=left>Verena Bentele hat ihre LMU noch nie richtig gesehen. Sie nimmt die Universität nur in Hell-Dunkel-Unterschieden, über Geräusche, über den Tastsinn und über Gerüche war. Von Geburt an ist die 22-Jährige blind. Verena Bentele studiert an der LMU Neue Deutsche Literatur mit Politik im Nebenfach. Zudem ist die agile Studentin eine bekannte Leistungssportlerin. Sie ist heiße Anwärterin auf die Goldmedaillen bei den nächsten Weltmeisterschaften für Behinderte, den Paralympics, im US-amerikanischen Maine. Ihre Disziplinen: Biathlon und Skilanglauf.</P><P align=left>Hätte Verena Bentele nicht den weißen Blindenstock in ihrer Hand, wäre kaum zu erkennen, dass sie blind ist. Fast traumwandlerisch sicher bewegt sie sich im Hauptgebäude der LMU die Treppen hinauf und hinunter. Sie weiß, wo die Cafeteria ist, und viele der Hörsäle kennt sie ebenfalls. Nur bei einer Hörsaalverlegung muss sie ihre Kommilitonen manchmal um Hilfe bitten, erzählt sie. "Die meisten meiner Mitstudenten sind sehr hilfsbereit, öfters sogar zu hilfsbereit", sagt Bentele. "Manchmal können sie gar nicht wahrhaben, dass man auch ohne zu sehen ganz normal studieren kann."</P><P align=left>Verena Benteles Lieblingsplatz in der Uni ist die Dachterrasse des Gebäudes an der Schellingstraße 3. "Ich sitze im Sommer oft hier oben, wenn die Sonne scheint und lerne im Freien", erzählt sie. Die Räumlichkeiten in der Universität kann sie alleine an den unterschiedlichen Geräuschen erkennen. "Wir Blinde können die Wände hören", sagt sie. Zudem nimmt sie über die Augen war, wo die Fenster in einem Raum sind.</P><P align=left>Nach Ansicht der Studentin hat das Computer-Zeitalter vieles einfacher gemacht. "Für Blinde ist das Studieren im digitalen Zeitalter mittlerweile ziemlich einfach geworden", sagt sie. "In den Vorlesungen schreibe ich mit meinem speziellen Laptop mit, und die Skripten hole ich mir digital von den Dozenten. So kann ich mir die Aufzeichnungen über meinen Computer nach der Vorlesung noch einmal anschauen".</P><P align=left>Nur in der Bibliothek, bei der Buchrecherche, braucht Bentele manchmal Hilfe von einem Zivildienstleistenden, den ihr der Behindertenbeauftragte der LMU im Bedarfsfall zur Verfügung stellt. Die Klausuren schreibt die Studentin auf ihrem Laptop. </P><P align=left>Verena Bentele wohnt im Olympiadorf, in einem der Bungalows. "Das ist die schönste Studenten-Wohnanlage der Stadt", meint sie. Täglich fährt sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Universität oder zum Geschwister-Scholl-Institut. An den Wochenenden trainiert sie im Biathlon-Leistungszentrum in Ruhpolding am Chiemsee. Sie hat dort ihren eigenen Trainer, der sie auch auf den Reisen rund um die Welt betreut und vor ihr herläuft, wenn sie die Biathlon- und Langlaufstreckenwettkämpfe bestreitet.</P><P align=left>Sport ist für Verena Bentele längst kein reines Hobby mehr. Im Winter bei den Paralympics rechnet sie sich wieder Chancen aus, auf weitere Goldmedaillen. Doch zuerst einmal steht jetzt in den Sommersemesterferien eine Safari nach Kenia an. Mit Freunden will sie die Urwälder Afrikas erkunden.<BR></P>

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