"Wir sichern Tradition für die Menschheit"

- In seiner Jugend dachte dietmar Willoweit bei dem Wort Archiv zuerst an Eingestaubtes. "Darum habe ich Jura studiert, etwas Aktives", sagt der bärtige Rechtshistoriker und lacht. Heute findet er Archive "auch etwas Herrliches". Für sein neues Amt beinahe eine notwendige Voraussetzung. Am Samstag legte Professor Heinrich Nöth, seit acht Jahren Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, seinem Nachfolger die schwere Amtskette um den Hals.

Jetzt ist Willoweit Herr über ein ganzes Meer von Archiven. Zehn Millionen Karteikarten lagern in den Zettelkästen des "Thesaurus Linguae Latinae", eines lateinischen Riesenwörterbuchs. Aus Archiven entstehen auch andere Akademie-Projekte, wie die Gesamtausgaben von Fichte und Max Weber.

Jurist mit Leidenschaft für die Historie

Gehütet werden die Projekte von einem Kreis aus 75 Mitgliedern unter 70 Jahren, in den es zwei Frauen geschafft haben. Manche mögen diese Altherren-Riege belächeln. "Alter ist in der Wissenschaft keine Schande, sondern oft Voraussetzung für Höchstleistung", sagt der 69-jährige Willoweit. Gerne sähe er mehr Damen unter den Talarträgern. Doch leider gäbe es noch immer wenige Professorinnen auf Lehrstühlen.

Viele große Akademie-Projekte wie die Wörterbücher laufen schon seit Jahren und Jahrzehnten. Eine zähe, mühsame Forscherarbeit. "Hier geht es um die Sicherung der kulturellen Tradition. Das tun wir für die Menschheit", sagt Willoweit. Seine Augen blicken ernst. Auch sein eigenes Fach kann der Jurist nicht ohne dessen Historie verstehen. Nach seinem Referendariat brach die historische Leidenschaft in ihm durch. Er promovierte in Heidelberg, war Professor in Berlin, Tübingen und Würzburg. Seine "Deutsche Verfassungsgeschichte" ist ein Standardwerk. "Ein Jurist, der sein Fach nicht von außen sehen kann, ist instrumentierbar, ist gefährlich", glaubt Willoweit.

Doch die Akademie ist nicht nur ein Hort der Geisteswissenschaften. Das Leibniz-Rechenzentrum ist eine seiner zentralen Institutionen. Die Akademie unterstützt Gletscherforschung und Satelliten-Geodäsie. Dass dies so bleibt, dafür will sich Willoweit einsetzen. Als Präsident kann er Projekte initiieren, die Zeit brauchen, Forschern in unserer rasanten Zeit Ruhe geben. "Wissenschaft, das geht nicht im Rhythmus von Bundestagswahlen." 

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