Die Wolke zwischen Welt und Ich

- Die Krankheit kam schleichend wie ein Tumor. Unbemerkt breitete sie sich in Thomas Förster* aus. Als er sie bemerkte, war es beinahe zu spät: Die Depression war bereits weit fortgeschritten.

"Ich habe mich gefühlt, als wäre ich in einer Wolke", erzählt der Student. Nachdenklich dreht er den Kopf zur Seite und fährt mit fester Stimme fort zu erzählen. Gefühlt hat er in der Wolke nichts mehr. Er konnte keine Düfte mehr wahrnehmen, seine Leibspeisen schmeckten ihm nicht mehr. "Ich hab‘ es auf den Stress geschoben", sagt Thomas Förster. Er muss neben seinem Studium in München arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Auf eine Depression wäre er nicht gekommen.

Auslöser der Depression war der Stress in Arbeit und Uni

Später hört Förster von seiner Therapeutin, dass seine Symptome geradezu klassisch waren: keine Lust auf Aktivitäten, die ihm sonst Spaß gemacht hatten, wie Klettern, Laufen, Mountainbiken; dazu Schlafstörungen und Selbstmordgedanken. "Die Gefahr für mein Leben war sehr hoch", sagt er. Seine braunen Augen färben sich noch dunkler. Am Bahnsteig hat er sich öfter beim Anblick der einfahrenden S-Bahn überlegt: "Nur ein Schritt vorwärts, dann wäre die ganze Kacke vorbei."

So wenig wie er selbst die Wolke um ihn herum sehen konnte, bemerkten Thomas Försters Freunde und Kollegen etwas. Nach außen hin sah man dem jungen Mann nichts an: "Meine Hülle hat alles weiter durchgezogen." Die Klausuren an der Uni, der Stress in der Arbeit ­ Thomas Förster funktionierte wie zuvor. "Nur das Aufstehen am Morgen war nach den schlaflosen Nächten Horror", sagt er. Doch immer wieder sagte er sich selbst vor: "Jetzt stell dich nicht so an. Das geht schon."

Schon von Kindesbeinen an hatte man Thomas Förster eingetrichtert, dass Arbeit der einzige Lebensinhalt ist. "Ich war früh selbstständig. Hab das immer alles mit mir selbst ausgemacht", sagt er. Er blickt zur Seite, als wäre es ihm peinlich. Jetzt ist ihm klar, dass in seiner Kindheit bereits die Saat ausgestreut wurde, die schließlich eine seelische Erkrankung in ihm wachsen ließ.

Der Stress wäre nie so überwältigend groß geworden, hätte sich Thomas Förster nicht so auf die Arbeit fixiert. Die Anspannung war für Thomas Förster aber nur der Auslöser für die Depression. Die Ursachen vermutet er tief in sich drin. Deswegen hat er vergangenes Jahr eines Tages einfach die Gelben Seiten aufgeschlagen, mitten in der Depression, und einen Psychotherapeuten angerufen. Thomas Förster war schon zehn Jahre zuvor in therapeutischer Behandlung gewesen. "Ich wusste: Das hilft", sagt er. Damals wollte seine Mutter nicht akzeptieren, dass er sich mehr und mehr von ihr abnabelte.

Seit einem dreiviertel Jahr geht der 32-Jährige nun wöchentlich zur Therapie. Richtig fröhlich ist Thomas Förster immer noch nicht, aber er fühlt sich nach etwa 30 Therapiestunden "wieder normal". Sein Erfolgsrezept ist ein besseres Zeitmanagement. Seit neuestem hat er "feste Zeiten" für Uni, Arbeit und Freizeit. Er achtet mehr auf sich selbst, anstatt sich von den vielen Aufgaben zerreißen zu lassen.

Selbst aus dem dunklen Loch der Depression gezogen

Nur nachts fühlt sich Thomas Förster noch immer unruhig, kann schwer einschlafen und wacht oft auf. "Der Stress ist noch da", sagt er und blickt wieder zur Seite. Kraft gibt ihm das Gefühl, dass er sich selbst aus dem dunklen Loch gezogen hat. Denn in seiner Therapie hat er auf Medikamente verzichtet, wie seine Therapeutin es ihm geraten hatte. "Es war die bessere Methode, aber nicht die einfachere", sagt er.

Das Wort Angst mag Förster nicht so gerne. Lieber ist ihm Respekt. Großen Respekt hat er davor, dass die Krankheit in ein paar Jahren wieder ausbrechen könnte, weil der "Tumor" nicht vollständig aus ihm herausgeschnitten ist und ihn wieder schleichend auffrisst. Doch auch dann, das weiß er jetzt, wird er den Weg aus der dunklen Wolke wieder finden.

* Name geändert

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