Die Wunderpflanze aus Paraguay

- Winterzeit, Zuckerzeit. Ein Plätzchen hier, ein Schokolädchen dort, schon sind die Pfunde auf den Hüften. Es schmeckt halt gut, wenn's süß ist. Doch im Nachhinein weckt der Blick in den Spiegel den Wunsch nach weniger: Ach könnte man doch ohne Reue naschen! In Zukunft ist das durchaus möglich, glaubt Udo Kienle, Agrarforscher an der Universität Hohenheim. Stevia rebaudiana ist eine Pflanze, die als nahezu kalorienfreier, natürlicher Zuckerersatz in aller Munde gelangen könnte, sagt er. Der Extrakt der Pflanze, ein Stoff namens Steviosid, ist in kristalliner Reinform 300-mal so süß wie Zucker und sein Genuss bleibt ohne Reue: Ein Gramm Steviosid enthält gerade einmal 0,21 Kilokalorien. Die krautige Stevia-Pflanze sieht aus wie Pfefferminze und wächst in Paraguay.

<P>Die getrockneten Blätter werden seit Jahrhunderten von der indianischen Bevölkerung als Süßmittel unter den traditionellen Mate-Tee gemischt. Der Hohenheimer Forscher beschäftigt sich schon lange mit der erstaunlichen Pflanze. "Vor 20 Jahren brachte mir ein Freund eine Tüte mit seltsamen, honigsüßen Blättchen aus Südamerika mit", berichtet er. "Sie schmeckten intensiv süß und nach einem Hauch von Lakritze." Dem Hohenheimer Zuckerforscher, der fortan die geheimnisvolle Pflanze studierte, ist vor allem daran gelegen, Stevia auch in Europa als Zucker-Alternative zu etablieren: 1987 fuhr er nach Paraguay und besorgte sich vom Landwirtschaftsministerium die Erlaubnis, 10000 Wurzelstecklinge und ein Kilogramm Samen auszuführen. Zurück in Europa, legte er in Südspanien die ersten Stevia-Felder an. Bald war klar: Im mediterranen Klima gedeihen die Pflanzen prächtig. Auch ist die Pflanze so widerstandsfähig, dass Pilze und Insekten keinen wirtschaftlichen Schaden anrichten, meint der Agronom. Vor allem aber hebt sich die Stevia-Süße von künstlichen Süßstoffen wie Saccharin oder Aspartam ab, da diese einen unnatürlichen Beigeschmack haben. <BR><BR>Bis Steviosid den europäischen Markt bereichert, werden aber wohl noch ein paar Jahre vergehen. Das liegt an der Novel-Food-Verordnung der EU: Alle Lebensmittel, deren Anbau und Verwendung in Europa keine Tradition haben, müssen seit 1998 eine strenge Zulassungsprozedur durchlaufen. Dazu gehören umfangreiche, teure toxikologische Untersuchungen. Dabei gibt es zu Stevia bereits mehr als 200 solcher Studien. Eine gesundheitliche Beeinträchtigung wurde in ihnen nicht beobachtet. Der EU-Kommission reicht das aber nicht aus, um Stevia die Unbedenklichkeit zu bescheinigen - nur wenige dieser Studien erfüllen die vorgeschriebenen Qualitätsrichtlinien. Nichtsdestotrotz ist Steviosid in Japan seit 30 Jahren am Markt.</P><P>Kienle schaut positiv in die Zukunft. Kürzlich entschied ein Expertenausschuss der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO, den maßvollen Verzehr von Steviosid bis 2007 befristet zu erlauben. Dieses Votum könnte die EU-Zulassung von Steviosid erleichtern. Kienle ist auch überzeugt, der Anbau von Stevia sei für die EU sogar besonders attraktiv. Die Pflanze wächst überall dort in Südeuropa gut, wo heute Tabak angebaut wird. Bislang werden die Tabakbauern von der EU finanziell unterstützt, doch das Subventionsprogramm läuft 2010 aus. Für tausende Kleinbauern, die damit vor dem wirtschaftlichen Ruin stünden, wäre der Stevia eine lukrative Alternative. Kienle: "Mit Stevia könnten die Tabakbauern 400% mehr verdienen als heute, und zwar ohne Subventionen."<BR><BR>Lexikon aktuell:<BR>Stevia rebaudiana<BR>Die krautige Stevia-Pflanze sieht aus wie Pfefferminze und wächst in Paraguay. Die Blätter sind von aromatisch süßem Geschmack. Um an den Süßstoff zu gelangen, werden die Blätter extrahiert. Die Befürchtung, dass der süße Inhaltsstoff die Erbsubstanz beeinträchtigt, resultiert in dem eingeschränkten Handel auf dem europäischen Markt.</P><P> </P><P> </P>

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